Frauenrollen

Atalante Syndrom

Atalante Syndrom

Wie alte Rollenbilder Frauen auch heute noch ausbremsen … In der feministischen Forschung gibt es einen Begriff, der genau das beschreibt: das „Atalante Syndrom“.

Hinter dem Begriff steckt jedoch keine biologische oder medizinische Krankheit. Es handelt sich um eine „kulturelle Krankheit“. Das bedeutet, dass unsere Gesellschaft tiefe Denkmuster entwickelt hat, die Frauen systematisch als schwächer, schutzbedürftiger und letztlich als minderwertiger darstellen.

Griechischer Mythos

Atalante ist eine Figur aus der griechischen Mythologie, die mit den Frauen von heute einiges gemeinsam hat: Sie war eine unglaublich starke Jägerin und die schnellste Läuferin ihrer Zeit. Weil sie unabhängig bleiben wollte, stellte sie eine Bedingung: Nur wer sie im Wettlauf besiegt, darf sie heiraten. Wer verliert, stirbt.

Da sie den Männern ihrer Zeit sportlich absolut überlegen war, wusste ihr Herausforderer Hippomenes, dass er aus eigener Kraft keine Chance hatte. Deshalb nutzte er eine List: Während des Rennens warf er drei wunderschöne goldene Äpfel auf die Laufbahn. Atalante blieb fasziniert stehen, bückte sich und hob die glänzenden Früchte auf. Dadurch verlor sie wertvolle Zeit – und am Ende das Rennen und ihre Freiheit.

Atalante heute

Doch was hat das mit uns heute zu tun? Die renommierte US-amerikanische feministische Wissenschaftlerin, Professorin und Pionierin auf dem Gebiet der Frauen- und Geschlechterforschung Catharine R. Stimpson nutzt diese Geschichte als Symbol für unsere Gesellschaft. Wenn Frauen erfolgreich, unabhängig und stark sind, greift das System nicht mit offener Gewalt an. Stattdessen wirft es ihnen „goldene Äpfel” vor die Füße. Das sind glänzende Ablenkungen und gesellschaftliche Erwartungen, die Frauen von ihrem Weg abbringen sollen.

Apfel #1 - Falle Sorgearbeit:

Frauen machen heute Karriere und sind bestens ausgebildet. Doch die Gesellschaft redet ihnen oft ein, ihre „wahre, glänzende Erfüllung” liege darin, sich für andere aufzuopfern – beispielsweise bei der Kindererziehung, im Haushalt oder bei der Pflege von Verwandten. Während Frauen diese unbezahlte Arbeit erledigen, ziehen Männer im Beruf und beim Einkommen an ihnen vorbei.

Apfel #2 - Angst vor weiblichem Ehrgeiz:

Wenn eine Frau kompromisslos ihre Ziele verfolgt und Macht einfordert, wird sie oft negativ bewertet. Sie gilt dann schnell als „zu ehrgeizig“, „hart“ oder „unweiblich“. Um dazuzugehören und gemocht zu werden, lernen viele Frauen deshalb schon früh, sich selbst zurückzuhalten und unter ihren Möglichkeiten zu bleiben. Sie machen sich selbst kleiner und unwichtiger, als sie sind – das sind die Früchte eines tiefsitzenden Systems.

Apfel #3 - Mythos vom schwachen Geschlecht:

Wenn die Gesellschaft Frauen als das „schwache Geschlecht“ darstellt, das immer Schutz braucht, mag das im ersten Moment nett klingen. De facto ist es jedoch eine Ausrede, um Frauen zu kontrollieren oder einzuschränken. Echte Sicherheit entsteht nicht durch männlichen Schutz, sondern durch eigene finanzielle und politische Unabhängigkeit.

Fazit

Das Atalante-Syndrom ist nach wie vor allgegenwärtig: Frauen verdienen für die gleiche Arbeit weniger, erfolgreiche Sportlerinnen erhalten weniger Aufmerksamkeit und Frauen in Führungspositionen werden strenger verurteilt als Männer. Die Gesellschaft belohnt Frauen häufig noch immer, wenn sie ihr Potenzial für traditionelle Rollenbilder opfern.

Der antike Mythos zeigt jedoch keine weibliche Schwäche, sondern eine strategische Ablenkung: Atalante verlor das Rennen nur, weil sie den goldenen Äpfeln nicht widerstehen konnte. Das wirft eine kritische Frage auf: Werden Frauen heute wirklich grundlegend anders gesehen – oder lenken moderne Rollenerwartungen sie noch immer gezielt ab?

Literaturhinweise:

  • Chrístou, Panaghiótis & Katharini Papastamatis. 2009. Griechische Mythologie: der Trojanische Krieg, die Odyssee und die Äneis. Bonechi.
  • Dewes, Eva. 2011. Freierprobe und Liebesäpfel: Der Mythos von Atalante und Hippomenes in der Kunst und seine interdisziplinäre Rezeption (Studien zur internationalen Architektur- und Kunstgeschichte). Michael Imhof Verlag.
  • Stimpson, Catharine R. 2006. The Atalanta Syndrome: Women, Sports and Cultural Values. The Cultural Value of Sport 4.3.

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