Sie war die erste First Lady und die erste Römerin, die den Titel „Augusta” trug. Nach ihrem Tod wurde sie sogar zur Göttin erhoben: Livia Drusilla (58 v. Chr.–29 n. Chr.). Ihr Leben glich einem Machtkampf, der von politischem Kalkül geprägt war. Dennoch schien sie eine Kraft besonders anzutreiben: die Liebe zu ihrem zweiten Mann.
Livia Drusilla wurde in eine aristokratische Familie hineingeboren. In der Zeit ihrer Geburt befand sich Rom in einer Phase des Umbruchs. Die politische Situation war äußerst instabil und von Machtkämpfen rivalisierender Politiker geprägt. Ihr Vater war ein stolzer Anhänger der alten republikanischen Tradition und der Macht des Senats. Politiker wie Caesar stützten sich hingegen auf die Volksversammlungen und das einfache Volk.
Nach dem Attentat auf Caesar schloss sich ihr Vater den Attentätern an. Dies sollte ihm teuer zu stehen kommen, denn er wurde daraufhin für vogelfrei erklärt und sein gesamter Besitz beschlagnahmt, da er nun als Staatsfeind galt.
Um wenigstens einen Teil des Vermögens zu retten, verheiratete er seine 15-jährige Tochter Livia mit einem deutlich älteren Mann. So war zumindest ein Teil des Vermögens als Mitgift gerettet, das er seiner Tochter übergab.
Livia Drusilla brachte einen ersten Sohn zur Welt. Während sie mit dem zweiten Kind schwanger war, lernte sie den mächtigen Octavian kennen, der später als Augustus bekannt wurde. Die beiden verliebten sich ineinander.
Dann folgte etwas, das von der Bevölkerung als Skandal empfunden wurde. Octavian bat Livia Drusillas Mann, sich von ihr scheiden zu lassen. Dieser traute sich nicht, ihm zu widersprechen, und stimmte zu. Eigentlich wäre eine Scheidung von einer Hochschwangeren nach geltendem Recht nicht möglich gewesen. Doch Octavian erwirkte beim Priesterkollegium eine Sondergenehmigung.
Anschließend soll der erste Mann sogar als Brautvater für Livia Drusilla gedient haben. Ihr eigener Vater hatte sich in der Zwischenzeit aus Verzweiflung über eine erlittene Niederlage auf dem Schlachtfeld ein Schwert in den Leib gerammt.
Um auf die Korrektheit des Pakts hinzuweisen, übergab Octavian den zweiten Sohn, den Livia Drusilla gebar, an seinen leiblichen Vater. Doch dann starb Livias erster Mann. Nach dessen Tod kamen beide Söhne in die Obhut Octavians, wie der Verstorbene testamentarisch verfügt hatte.
Doch auch die Verbindung zwischen Octavian und Livia Drusilla war nicht ohne Kalkül. Zunächst wollte sich Octavian für den Mord an seinem Adoptivvater Caesar rächen. Anschließend wollte er jedoch mit der alten republikanischen Aristokratie Frieden schließen, um seine Macht zu festigen und auszubauen. Für dieses Vorhaben schien ihm Livia Dursilla die richtige Frau zu sein. Gemeinsam stiegen sie auf und wurden immer mächtiger.
Octavian war seit Diktator Caesar der Erste, dem das Sonderrecht einer religiösen Weihe als Monarch zuteil wurde. Doch er vermied es, als Monarch bezeichnet zu werden. Er sah sich als Augustus, als Heiliger und als erster Bürger Roms. Dennoch gilt er als erster römischer Kaiser und Begründer des Römischen Kaisertums.
Zudem wurden seine Frau Livia sowie seine Schwester Octavia von jeglicher Vormundschaft befreit, die damals für Frauen üblich war. Beide Frauen waren nun vollkommen frei. Sie konnten ihre Angelegenheiten eigenständig regeln. Dies war eine hohe Auszeichnung für Frauen, denen durch diesen Akt männliches Verantwortungsbewusstsein zugeschrieben wurde. Livia und Octavia hatten fortan eine rechtliche Vormachtstellung, die mit der der angesehenen und verehrten Vestalinnen vergleichbar war.
In seinem Testament verfügte Augustus, Livia in seine Familie zu adoptieren und ihr den Titel „Augusta” zu verleihen. Daher hieß sie fortan Iulia Augusta. Sie war die erste Frau überhaupt, die diesen Ehrentitel tragen durfte.
Letztlich huldigte Livias Enkel Claudius sie und erhob sie zur Göttin, genannt Diva Augusta. Das war jedoch kein selbstloser Akt, sondern Teil seines Kalküls. Denn Claudius war nur über seine Großmutter Livia mit Augustus verbunden. Er war also kein leiblicher vergöttlichter Herrscher. Um dies zu ändern, erhob er seine Großmutter zur Göttin und besaß damit die notwendige sakrale und familiäre Legitimität für seine eigene Herrschaft.
Das Leben Livia Drusillas steht beispielhaft für den dramatischen Wandel, den Rom von einer sterbenden Republik zu einem glanzvollen Kaiserreich durchlief. Im Chaos der Bürgerkriege geboren, nutzte sie patriarchale Strukturen, geschickte Allianzen und rechtliche Privilegien, um zu einer der mächtigsten Frauen der Antike aufzusteigen. Die Erhebung zur Göttin durch ihren Enkel Claudius, die erst nach ihrem Tod erfolgte, war der Höhepunkt einer Biografie, in der persönliches Schicksal und eiskalte Machtpolitik untrennbar miteinander verwoben waren.
Literaturhinweise:
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