Warum werden Menschen, die sich ins weite, heiße Leben stürzen, als Rebellen bezeichnet? Sind nicht vielmehr diejenigen die Rebellen, die sich ein enges, kleines Häuschen bauen und ein Leben lang darin absitzen?
Die Schriftstellerin Kay Boyle machte sich über solche Fragen Gedanken. In diesem Fall in einem Brief, den sie an die Lyrikerin Lola Ridge schrieb.
Kay Boyle war eine bedeutende amerikanische Autorin. Obwohl sie in den USA geboren wurde, wuchs sie hauptsächlich in Europa auf. Dann brach der Erste Weltkrieg aus. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten musste ihre Familie in die USA zurückkehren.
Dort heiratete sie 1923 und zog bald darauf mit ihrem Mann wieder nach Europa. In Frankreich versuchte sie, sich in die Familie ihres Mannes einzuleben. In dieser Zeit schrieb sie Gedichte und Kurzgeschichten, die veröffentlicht wurden.
Ihre Erfahrungen aus ihrer ersten Ehe verarbeitete sie in ihrem 1931 erschienenen ersten Roman Plagued by the Nightingale (“von der Nachtigall geplagt”). Im selben Jahr ließ sie sich von ihrem ersten Ehemann scheiden und heiratete den amerikanischen Exilschriftsteller Laurence Vail. Mit ihm lebte sie in den französischen Alpen, bis sie im Juli 1941 in die Vereinigten Staaten zurückkehrte.
Später heiratete sie zum dritten Mal, diesmal einen Österreicher namens Joseph Baron von Franckenstein. Es war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der sich Kay Boyle erneut in Europa aufhielt. Von 1946 bis 1953 arbeitete sie als Korrespondentin für The New Yorker. Sie berichtete aus Frankreich und Westdeutschland.
Dann kehrte sie in die USA zurück. Sie lehrte nun an verschiedenen Universitäten. Da sie der Meinung war, dass Privilegien soziale Verantwortung mit sich bringen, war sie ihr ganzes Leben lang politisch aktiv.
Kay Boyle schrieb viel: Sie veröffentlichte zu Lebzeiten mehr als 40 Bücher, darunter 14 Romane, acht Gedichtbände, elf Kurzgeschichtensammlungen und drei Kinderbücher.
So befasste sie sich immer wieder mit politischen Themen. 1936 schrieb sie den Roman Death of a Man, in dem sie die zunehmende Bedrohung durch den Nationalsozialismus thematisiert. Oft vereinte sie persönliche und politische Themen.
In ihren frühen Werken konzentrierte sich Boyle auf die Konflikte und Enttäuschungen, denen Menschen bei der Suche nach romantischer Liebe begegnen. In ihren späteren Romanen befasste sie sich dagegen mit der Notwendigkeit, sich für übergeordnete politische oder soziale Anliegen zu engagieren, um Selbsterkenntnis und Erfüllung zu erlangen. Zudem brachte Kay Boyle ihre tiefe Verbundenheit mit der Freiheit der Ausgestoßenen, den sogenannten Outcasts, zum Ausdruck, die nur all zu schnell vergessen werden.
Wer ist nun ein Rebell, einer, der in die Welt hinausgeht, oder jemand, der ein kleines Häuschen baut und ein Leben lang da bleibt, so wie sich Kay Boyle das gefragt hat? Betrachtet man ihren Lebenslauf und die Themen, die sie literarisch verarbeitet hat, so scheint die Antwort auf diese Frage aus ihrer Sicht klar zu sein.
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