In ihren Romanen stehen Frauen im Mittelpunkt, die von kriminellen und sexuellen Energien getrieben werden. Das wurde als ungeheuerlich empfunden und faszinierte zugleich.
Die Britin Charlotte Dacre (1771/72–1825) schrieb Gedichte und Schauerromane, sogenannte Gothic Novels, in denen Frauen die aktive Hauptrolle einnehmen. Charlotte Dacres herausragender Beitrag bestand darin, dass sie in ihren Romanen eine Mythologie entwickelte, in der Gewalt vor allem aus weiblichen Trieben entsteht.
Charlotte Dacre (geborene King) wurde Anfang der 1770er als Tochter einer jüdischen Familie geboren. Ihr Vater ließ sich nach jüdischem Recht von ihrer Mutter scheiden, als sie noch ein Kind war.
Charlotte Dacre begann ihre schriftstellerische Karriere, indem sie unter ihrem ersten Pseudonym Rosa Matilda Gedichte in der Morning Post veröffentlichte. Ihre Gedichte wurden als übertrieben und zu sentimental empfunden.
1815 heiratete sie einen Witwer, mit dem sie bereits drei Kinder hatte (geboren 1806, 1807 und 1809). Zu diesem Zeitpunkt waren ihre vier Gothic Novels The Confessions of the Nun of St. Omer (1805), Zofloya, or the Moor (1806), The Libertine (1807) und The Passions (1811) bereits erschienen.
Mit ihren Romanen schockierte Charlotte Dacre: Sie schrieb über die sexuellen Begierden, die Bösartigkeit und die Impulsivität von Frauen. So etwas hatte es bis dahin noch nicht gegeben – zumindest nicht mit Frauen in der aktiven Hauptrolle.
Ihre Romane wurden von Kritikern als unmoralisch und skandalös empfunden. Dabei gelang es Charlotte Dacre, einen einzigartigen Raum zu schaffen, um über die Dialektik der Gewalt zu reflektieren. Dies war schließlich auch ein zentrales Thema in der Epoche der Romantik, in die ihre Werke fallen.
Ihre Geschichten zeichnen sich insgesamt durch eine ambivalente Haltung gegenüber Gewalt aus. Sie gelten als Spiegel ihrer Zeit: Einerseits wurde alles Erhabene verherrlicht. Andererseits war ihre Epoche von der blutigen Französischen Revolution und der Brutalität der Industrialisierung geprägt. Genau in dieser Zeit der Zerrissenheit zwischen Erhabenem und Gewalt erlebte das Genre der Gothic Novel seine Blütezeit.
Charlotte Dacre schrieb über Themen, über die man damals nicht schrieb. Besonders bekannt wurde ihr im Jahr 1806 erschienener Roman Zofloya. Aufgrund der freizügigen Darstellung sexueller Begierde und Gewalt empfanden frühe Kritiker ihn als besonders skandalös. Dies wurde noch dadurch verschlimmert, dass eine Frau den Roman geschrieben hatte. Es galt als absolut ungeheuerlich, dass eine Frau sich solche Inhalte ausgedacht hatte. Dennoch war das Buch beliebt und wurde auch in andere Sprachen übersetzt.
Was macht Dacres Romane so besonders? Anders als bei anderen Gothic Novels ihrer Zeit gibt es nicht einen männlichen Helden, sondern eine Schurkin bzw. eine weibliche Hauptakteurin. Dabei handelt es sich um ein einzigartiges Porträt einer transgressiven weiblichen Subjektivität, das sowohl damals als auch heute selten zu finden ist.
Literaturhinweise:
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