Philosophie

Lebendige Substanz

Lebendige Substanz

Seit jeher versucht der Mensch, die Welt zu erklären. Er versucht, Antworten zu finden und Ordnung in vermeintliches Chaos zu bringen. Während der Mensch sich die Welt erklärte, wurde aus der Mitwelt im Laufe der Zeit die Umwelt. Natur und Tiere wurden zu etwas, das man ausnutzen und nutzen konnte.

Der Philosoph René Descartes zog im 17. Jahrhundert daraus den Schluss, dass nur der Mensch die Fähigkeit zum Denken besitzt, während alles andere laut ihm geistlos ist. Doch eine widersprach ihm: Anne Conway.

Die Tierliebhaberin konnte die Trennung der Welt in geistige und körperliche Bereiche nämlich nicht nachvollziehen. Sie war überzeugt, dass alle Lebewesen den gleichen göttlichen Funken in sich tragen und beseelte Wesen sind – nicht nur der Mensch.

Philosophische Grundsteine

Lady Anne Conway (1631–1679), geborene Finch, wurde in London geboren. Sie verbrachte ihre Kindheit in dem Haus, das heute als Kensington Palace bekannt ist und damals ihrer Familie gehörte.

Anne Conway erhielt zunächst Privatunterricht. Sie erlernte unter anderem Latein, Griechisch und Hebräisch.

Später weckte ihr Halbbruder John Finch ihr Interesse für Philosophie und stellte sie Henry More vor, einem Platoniker und Lehrer am Christ’s College in Cambridge. Damit war der Grundstein für ihre weitere Entwicklung gelegt. Anne Conway und Henry More freundeten sich an und schrieben sich zahlreiche Briefe, in denen sie philosophischen Fragestellungen auf den Grund gingen. Unter anderem diskutierten sie über René Descartes.

Ihre Philosophie

Anne Conway befasste sich nicht nur mit der Philosophie und der Kritik an René Descartes, sondern auch mit der platonischen Metaphysik. Zudem kritisierte sie die Theorien weiterer bekannter Philosophen, darunter Thomas Hobbes und Baruch de Spinoza.

So war sie beispielsweise nicht einverstanden mit Hobbes' Idee, dass das Universum nur aus toter Materie besteht, die rein mechanisch funktioniert. Für sie hatte alles Leben stets auch eine geistige Komponente. An Spinozas Theorie kritisierte sie, dass er Gott als die einzige existierende Substanz betrachtete. Mit ihrer Kritik wollte Anne Conway zeigen, dass Materie und Geist untrennbar verbunden sind und einander beeinflussen.

Für sie war alles in der Welt eins und lebendig. Im Gegensatz zu Descartes glaubte sie nicht an die Unterscheidung zwischen Geist und Materie. Für sie war alles eine einzige, lebendige Substanz und keine tote oder seelenlose Materie.

Sie unterschied jedoch nach einem Grad an Vollkommenheit. Egal, ob es sich um übernatürliche Wesen, Menschen oder Tiere handelte – alles bestand aus demselben Stoff, war aber unterschiedlich vollkommen. Nur Gott sah sie als jemanden, der über allem stand, alles durchdrang und heilte.

Ihre Philosophie war neu. Sie brach mit der gängigen Vorstellung, die Welt sei seelenlos. Für Anne Conway war alles lebendig und zutiefst verbunden.

Langer Leidensweg

Ab ihrem zwölften Lebensjahr war Anne Conways Leben von wiederkehrenden, schweren Migräneanfällen geprägt. Oft setzten die Schmerzen sie schlichtweg außer Gefecht.

Obwohl sie von zahlreichen renommierten Medizinern ihrer Zeit behandelt wurde, erwies sich keine der Therapien als wirksam. So verbrachte sie einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit im heimischen Umfeld unter medizinischer Aufsicht. Anne Conway starb schließlich im Alter von 47 Jahren.

Literaturhinweise:

  • Broad, Jacqueline (Hg.). 2020. Women Philosophers of Seventeenth-century England: Selected Correspondence. Oxford University Press.
  • Detlefsen, Karen & Lisa Shapiro (Hrsg.). 2023. The Routledge Handbook of Women and Early Modern European Philosophy. Taylor & Francis Group.
  • Hagengruber, Ruth & Sarah Hutton (Hrsg.). 2021. Women Philosophers from the Renaissance to the Enlightenment: New Studies. Routledge.
  • Hutton, Sarah (Hg.). 2025. The Cambridge Platonists. Routledge, Chapman & Hall, Incorporated.
  • Rodrigues, Ana. 2011. Von Diana zu Minerva: Philosophierende Aristokratinnen des 17. und 18. Jahrhunderts. Akademie Verlag.
  • White, Carol Wayne. 2008. The Legacy of Anne Conway (1631-1679): Reverberations from a Mystical Naturalism. State University of New York Press.

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