Geschichtsschreibung

Stigma vs. Würde

Stigma vs. Würde

Traurig, aber wahr: Um den Schein zu wahren, haben Königsfamilien immer wieder eigene Nachkommen aus der Geschichte gelöscht und versteckt. Der Grund? Königlicher Nachwuchs mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen passte nicht ins angestrebte Weltbild.

Perfektion & Machterhalt

Königlicher Nachwuchs musste perfekt sein. Kinder waren ein Zeichen der Macht. Nicht der Norm zu entsprechen, war eine Katastrophe. Kinder mit Beeinträchtigungen untergruben den Anspruch auf königliche Macht.

Daher ist es kaum verwunderlich, dass es in der Geschichte zahlreiche Erzählungen von verstecktem Nachwuchs gibt. Die ungebrochene Perfektion war kalkuliert – bloß keine Angriffsfläche bieten, um die eigene Macht nicht zu gefährden.

Royale Bedrohung

Das Schicksal der Cousinen von Queen Elizabeth II. und Nichten der Queen Mom, Nerissa (1919–1986) und Katherine Bowes-Lyon (1926–2014), markiert ein dunkles Kapitel der modernen Monarchie. Beide galten nach damaliger Bezeichnung als „Schwachsinnige”. Sie wiesen starke geistige Beeinträchtigungen auf. Ihre jahrzehntelange Verleugnung war kein bürokratischer Zufall, sondern das Resultat eines tief verwurzelten gesellschaftlichen Stigmas.

Da geistige Behinderungen damals als Bedrohung für den Mythos einer perfekten Blutlinie galten, wurden die Schwestern 1941 kurzerhand für tot erklärt und in einer Anstalt isoliert. Es war ein hoher, grausamer Preis für den Erhalt der royalen Fassade – ein Akt der Auslöschung, der diese Frauen nicht nur ihre Freiheit, sondern ihre gesamte Identität kostete.

Ein Leben in Würde

Doch nicht jedes königliche Kind mit Beeinträchtigung wurde verleugnet. Ein bemerkenswerter Gegenentwurf zum Umgang mit einem Kind mit Trisomie 21 gab es im Hause Hohenzollern.

Alexandrine von Preußen (1915-1980) wurde mit dem sogenannten Down Syndrom geboren. Doch ihre Eltern entschieden sich dafür, sie nicht zu verstecken oder zu verleugnen, sondern sie auch in der Öffentlichkeit zu zeigen. So durfte sie ganz offiziell und für alle sichtbar Teil der königlichen Familie sein.

Dann kamen die Nazis. Für das NS-Regime waren Menschen mit Behinderung „lebensunwert“. Im Rahmen der Aktion T4 wurden sie systematisch ermordet. Doch Prinzessin Alexandrine blieb aufgrund des Rückhalts ihrer Familie ein unantastbarer Teil der Öffentlichkeit. Sie war nicht anonym in einer Anstalt weggesperrt, sondern ein sichtbares Mitglied der königlichen Familie.

Nach dem Tod ihrer langjährigen Nanny Selma Boese im Jahr 1936 zog sie in die bayerische Stadt Niederpöcking, wo sie auch während des Zweiten Weltkriegs blieb. Nach dem Krieg bezog sie ein Häuschen am Starnberger See, in dem sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1980 lebte.

Fazit

Körperliche oder geistige Beeinträchtigungen galten als Makel, als Angriff auf die Integrität des Königshauses. Daher wurden Säuglinge und Kinder, die nicht perfekt waren, unter Beschluss gehalten, für tot erklärt oder gar getötet. Es galt ein Image zu wahren …

Während Nerissa und Katherine Bowes-Lyon systematisch aus der Geschichte getilgt wurden, wuchs die Enkelin des letzten deutschen Kaisers ganz selbstverständlich inmitten ihrer Familie auf. Ihr Leben beweist, dass das vermeintliche „politische Gift“ einer Behinderung nicht zwangsläufig zur Vernichtung der eigenen Existenz führen muss. Während die Cousinen der Windsors einer makellosen Fassade geopfert wurden, blieb Alexandrine ein sichtbarer Teil ihrer Welt – ein stilles, aber kraftvolles Zeugnis für Akzeptanz statt Isolation.

Literaturhinweise:

  • Garland-Thomson, Rosemarie, Michael Mark Chemers, Analola Santana. 2024. Freak Inheritance: Eugenics and Extraordinary Bodies in Performance. Oxford University Press.
  • Keintzel, Robert Ralf. 2022. Eine Geschichte der Menschen mit Behinderung - dis/abled in der Antike. Robert Ralf Keintzel.
  • Wolfensberger, Wolf. 2011. Idiocy and Madness in Princely European Families. Intellectual and Developmental Disabilities 49 (1): S. 46–49.

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