Die Politik in Tirol war zu Beginn des 20. Jahrhunderts reine Männersache. Bis zum Frauenwahlrecht war es noch ein weiter, steiniger Weg. Als die Männer im Jahr 1907 das allgemeine Wahlrecht erhielten, waren Frauen legal noch immer unsichtbar.
Doch eine Frau brach das Schweigen in den Alpen: Maria Ducia (1875-1959). Sie gilt als unangefochtene Pionierin der sozialdemokratischen Frauenbewegung in Tirol. Ihre stärkste Waffe? Ihre leidenschaftlichen Reden.
Maria Ducia wurde 1875 in Innsbruck geboren. Damals hieß sie noch Peychär. Bis zu ihrem vierten Lebensjahr war sie bei Bauern in Pflege untergebracht.
Dann besuchte sie die Volksschule und arbeitete später als Verkäuferin. Mit 16 lief sie jedoch von zu Hause weg. Zunächst ging sie nach Südtirol, später nach Rovereto und schließlich in die Schweiz. Dort schenkte sie 1898 ihrem ersten Kind das Leben. Da sie alleinerziehend war, sah sie sich gezwungen, ihren Sohn in Pflege zu geben.
Daraufhin zog sie nach München, wo sie in einer Tabakfabrik arbeitete. Zudem besuchte sie einen Abendkurs an der Kunstakademie. Im Jahr 1900 gebar sie eine uneheliche Tochter, mit der sie nach Innsbruck zog.
Dort fand sie Arbeit bei einem Möbelhändler. Kurz darauf eröffnete dieser eine Filiale in Lienz, in der sie als Geschäftsführerin tätig war. 1903 heiratete sie Anton Ducia und bekam bis 1907 vier weitere Kinder. Die beiden unehelichen Kinder lebten mit in der Familie. Zwischenzeitlich kaufte sie das Möbelgeschäft, musste es jedoch bald wieder aufgeben. Dann begann ihre politische Karriere.
Maria Ducia engagierte sich ab 1910 im neu gegründeten Aktionskomitee der freien politischen Frauenorganisation in Lienz. Zunächst war sie Schriftführerin, doch bereits 1911 übernahm sie den Vorsitz.
Ihr großes Ziel war das freie, gleiche, aktive und passive Wahlrecht für alle Frauen. Beim ersten österreichweiten Internationalen Frauentag im Lienzer Gasthof Glöckelturm hielt sie eine leidenschaftliche Rede. Es war ein historischer Moment. Maria Ducia war die erste Tirolerin überhaupt, die auf politischen Versammlungen öffentlich sprach.
Doch das gefiel beileibe nicht jedem. Viele Menschen waren der Meinung, dass für Frauen nur eine Rolle vorgesehen ist: das Heimchen am Herd. Doch Maria Ducia ließ sich nicht beirren. In verschiedenen Tiroler Orten wie Innsbruck, Bozen, Meran, Franzensfeste, Lienz und Landeck trat sie für das Frauenwahlrecht ein.
In den folgenden Jahren bekleidete sie verschiedene Ämter in der Frauenbewegung. 1919 wurde sie sozialdemokratische Abgeordnete im Tiroler Landtag.
Maria Ducia forderte also gleiche Rechte für alle. Sie setzte sich dafür ein, dass Frauen das Recht erhalten, einer Arbeit außerhalb des Hauses nachgehen zu dürfen. Außerdem machte sie sich dafür stark, dass Frauen in allen Gremien stärker vertreten sind.
Besonderen Wert legte sie dabei auf Bildung für alle. Darin sah sie den Grundstein für gleiche Rechte und Chancen.
Für Maria Ducia zählte es zum politischen Kampf für Freiheit, häusliche Gewalt sichtbar zu machen und beim Namen zu nennen. Besonders tragisch war das Schicksal ihrer Genossin Marie Holzer. Während beide für mehr Frauenrechte eintraten, erlebte Marie Holzer zu Hause über Jahrzehnte hinweg Gewalt. Ihr Mann billigte es nicht, dass sie geistig aktiv war und eigene Vorstellungen hatte.
Als sie sich nach 28 Jahren voller Gewalt von ihm trennen wollte, erschoss er sie. Maria Ducia schrieb einen Nachruf auf ihre Genossin und benannte die Tat beim Namen: ein Mord, weil sie eine Frau war. Ein Femizid also – auch wenn dieser Begriff damals noch nicht verwendet wurde.
Sie mußte ihre Eigenheit selbständigen Denkens, allgemein menschlichen Fühlens und ihre Bekenntnistreue mit dem Leben büßen, weil sie eine Frau war.
Weder Freiheit noch demokratische Rechte waren jemals selbstverständlich. Maria Ducia war nicht bereit, das ungerechte System ihrer Zeit zu akzeptieren. Mutig und gut vernetzt erhob sie als erste Tirolerin auf öffentlichen Versammlungen ihre Stimme. Damit durchbrach sie das patriarchale Monopol auf das öffentlich gesprochene Wort in den Alpen.
Durch die öffentliche Anprangerung der Ermordung ihrer Genossin Marie Holzer machte sie deutlich, dass politische Freiheit und körperliche Unversehrtheit zusammengehören. Sie holte das, was bislang als privat galt – Gewalt hinter verschlossenen Türen – in die öffentliche Diskussion. Der Kampf um Emanzipation ist jedoch erst dann gewonnen, wenn Frauen auch zu Hause sicher und selbstbestimmt leben können – etwas, das leider bis heute nicht jeder Frau vergönnt ist.
Literaturhinweise:
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