In Südtirol war die Hexenverfolgung – wie in vielen alpinen Regionen – tief in der bäuerlichen Gesellschaft und im Aberglauben verwurzelt. Vor allem soziale Außenseiter gerieten schnell ins Visier: Oft traf es arme, alleinstehende oder verwitwete Frauen, aber auch sogenannte Zugezogene, die in der verschlossenen Dorfgemeinschaft argwöhnisch beobachtet wurden.
Schon kleine Abweichungen von der Norm reichten aus, um eine Lawine von Anschuldigungen durch die Nachbarschaft auszulösen. Die Vorwürfe drehten sich meist um den sogenannten Schadzauber: Man bezichtigte die Frauen, für verendetes Vieh verantwortlich zu sein oder durch die Beschwörung von Hagel, Schnee und Unwettern die lebensnotwendige Ernte zu bedrohen. Ein besonders schwerwiegendes Element der Anklage war zudem die Teufelsbuhlschaft – der vermeintliche sexuelle Kontakt mit dem Dämonischen.
All diese düsteren Aspekte der Geschichte spiegeln sich im Schicksal zweier Frauen aus dem Südtiroler Eggental wider. Im 17. Jahrhundert wurden sie Opfer dieses Systems aus Misstrauen und Aberglauben. Sie wurden beschuldigt, angeklagt und schließlich grausam verurteilt. Das ist die Geschichte der Dorothea Gerber und ihrer Tochter Maria aus Eggen.
Seit acht Jahren lebten Dorothea Gerber und ihre Tochter Maria in Welschnofen, im Schatten des imposanten Rosengartens. Doch heimisch waren sie nie geworden. Als Zugezogene aus dem nahen St.Nikolaus/Eggen haftete ihnen das Stigma des Andersseins an. In Welschnofen wurde viel geflüstert, Argwohn und böswillige Gerüchte begleiteten jeden ihrer Schritte. Im Jahr 1639 eskalierte die Situation: Auf Drängen der misstrauischen Bevölkerung sah sich die Obrigkeit gezwungen, einzugreifen.
Im Juni wurde Maria ins Oberwirtshaus gebracht. Man wollte wissen, was an den Vorwürfen der Hexerei dran sei. Maria behauptete ohne lange Umschweife, ihre Mutter selbst habe sie in die dunklen Künste der Zauberei eingeweiht.
Am 6. Juni 1639 begann auf Burg Karneid der Prozess. Die 28-jährige Maria zeigte sich bei den Verhören äußerst aussagefreudig: Sie gab an, bereits seit ihrem achten Lebensjahr die Fähigkeit zum Mäusemachen zu besitzen. Zudem gestand sie eine sexuelle Verbindung mit dem Teufel, die gewöhnlich an Donnerstagen stattfand. Auch die Verantwortung für Wetterzauber und weitere magische Praktiken nahm sie in ihren Schilderungen auf sich.
Ihre Mutter Dorothea hingegen wies sämtliche Anschuldigungen konsequent zurück. Sie bestritt jede Beteiligung an Hexerei und gab an, sich die belastenden Aussagen ihrer Tochter nicht erklären zu können.
Am 27. Juni wurde der Prozess fortgesetzt. Maria gab konkrete Orte an, an denen sie Mäuse gemacht haben wollte. Ein betroffener Bauer bestätigte diese Aussage und sah darin nun die Erklärung für die ungewöhnliche Mäuseplage auf seinem Hof.
Bei Dorothea, die noch immer nicht geständig war, wurde die peinliche Befragung eingeleitet. Als vorbereitende Maßnahme wurden ihr sämtliche Körperhaare geschoren. Außerdem steckte man sie in ein neues Gewand, um sicherzustellen, dass sie keine Zaubermittel am Körper verbarg. Trotz der anschließenden Folter blieb Dorothea zunächst standhaft.
Am 30. Juni wurde die Folter fortgesetzt. Während Maria weiterhin darauf beharrte, dass ihre Mutter Wetterzauber – insbesondere die Beschwörung von Schnee – praktiziere und Menschen schade, wurde Dorothea erneut den grausamen Methoden der Verhörer ausgesetzt.
Nach tagelangen Qualen brach ihr Widerstand. Am 8. Juli gestand sie, dass der Teufel seine Finger im Spiel habe. Körperlich und seelisch am Ende, gab Dorothea Gerber nun alles zu, was die Richter von ihr hören wollten.
Aufgrund ihres frühen Geständnisses wurde Maria zu einer - für das damalige Verständnis - vergleichsweise milderen Todesstrafe verurteilt. Sie wurde zunächst enthauptet, bevor ihr Leichnam auf dem Scheiterhaufen auf dem Gerichtsplatz in Kardaun verbrannt wurde.
Ihre Mutter Dorothea hingegen, die der Folter lange widerstanden hatte, traf die volle Härte des Gesetzes. Sie wurde lebendig an den Pfahl gebunden und dem Feuer übergeben. Als letzte Gnade gewährte man ihr ein sogenanntes Pulvertäschchen, das ihr um den Hals gebunden wurde. Bei Kontakt mit den Flammen explodierte es, was die Qualen des langsamen Verbrennens ein wenig verkürzte.
Das Schicksal von Dorothea Gerber und ihrer Tochter Maria verdeutlicht auf tragische Weise, wie gefährlich es im 17. Jahrhundert war, nicht dazuzugehören. Ihr Fall ist ein Musterbeispiel für die Mechanismen der Ausgrenzung: Als Zugezogene – selbst wenn sie aus dem Nachbardorf kamen – und somit ohne starken familiären Rückhalt, wurden sie zur perfekten Projektionsfläche für die Ängste und Nöte der Dorfgemeinschaft.
Die Geschichte dieser Frauen aus dem Eggental erinnert daran, dass die Angst vor dem Fremden und Unbekannten die dunkelsten Seiten der Menschheit hervorbringt. Ihr Schicksal ist ein Mahnmal für Toleranz und warnt vor übereilten Vorurteilen.
Literaturhinweise:
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