Philosophie

Freiheit & Emotionen

Freiheit & Emotionen

Ágnes Heller (1929–2019) zählt zu den bedeutendsten Philosophinnen des 20. Jahrhunderts. Sie selbst sah sich als politische Theoretikerin. Wie viele Denkerinnen vor ihr befasste sie sich mit dem Begriff der Freiheit.

Kindheit und Freiheit

Ágnes Heller wurde 1929 in Budapest geboren. Ihr Vater, ein Rechtsanwalt, war schon früh davon überzeugt, dass die Zukunft seiner Tochter nicht in traditionellen Rollenbildern wie dem einer artigen Hausfrau liegt. Er wollte, dass aus ihr das Absurdeste wird, was es für ein Mädchen gab: Komponistin oder Philosophin.

Daher genoss sie eine breit gefächerte Bildung. Vor allem im musischen Bereich erhielt sie eine fundierte Förderung. Doch dann kam der Holocaust und die Freiheit, die in ihrer jüdischen Familie gelebt wurde, fand ein jähes Ende.

Kritisches Denken

Viele ihrer Familienmitglieder, darunter auch ihr Vater, starben in Konzentrationslagern. Ágnes Heller überlebte durch ihren Verstand und durch Glück. In dieser Zeit wurde Wissen zur Überlebensstrategie. Was einst als Spaß in der Familie gefördert wurde, sicherte ihr nun das Überleben.

Dann kam die Zeit des Kommunismus in Ungarn. Ágnes Heller war eine überaus kritische Denkerin, was ihr 1949 den Ausschluss aus der Kommunistischen Partei bescherte. Später folgte ein Berufsverbot. Sie arbeitete zu dieser Zeit an der Universität.

1977 emigrierte sie mit ihrem Mann nach Australien, wo sie eine Professur für Soziologie antrat. 1986 erhielt sie einen Ruf auf einen Lehrstuhl in den USA, den sie annahm. Fortan lehrte sie Philosophie.

Ihre Philosophie: Alltag & Freiheit

Für Ágnes Heller war das Schreiben seit jeher ein persönlicher Kampf gegen totalitäre Systeme. Zu ihren wichtigen Schriften zählen unter anderem Vom Alltagsleben (1978) und Theorie der Gefühle (1981).

Die Buchtitel verraten bereits die zentralen Themen ihres Denkens. Sie war die erste Denkerin überhaupt, die dem Alltag Beachtung schenkte. Das beinhaltete für sie sowohl das Privatleben als auch das Gesellschaftliche. Denn wir alle kommen mit einem geringen Handlungsfreiraum auf die Welt. Unser Leben wird von allerlei Regeln und Gesetzen bestimmt. Doch indem wir über den Tellerrand hinausschauen, können wir genau das durchbrechen.

Die Geschichte der Menschheit ist die Geburt und Entfaltung der Freiheit.

  • Ágnes Heller

Für sie stand die Freiheit des Individuums über allem. Die Philosophie hilft dabei, Wissen in die Praxis umzusetzen und Ideale zu entwickeln – in gewisser Weise wie eine Erziehung.

Ihre Philosophie: Selbstbestimmung & Emotionen

Mit der 68er-Bewegung und den folgenden Umwälzungen in der Gesellschaft änderte sich auch ihr Verständnis von Freiheit. Im Laufe der Jahre entwickelte sich ein neuer Fokus: Sie interessierte sich zunehmend für Selbstbestimmung und eine bewusste Gestaltung des Lebens.

Ohne Gefühle können wir uns nicht erhalten und erweitern.

  • Ágnes Heller

Die Philosophie der Gefühle nahm in ihrem Schaffen immer mehr Raum ein. Für sie bedingten sich Verstand und Empfindungen gegenseitig. Als besondere Gabe der Menschen sah sie die Empathie. Dabei bedingen sich Gefühle zentral bei der Entwicklung von moralischen Werten. Mit Emotionen kann ein Mensch Ordnung im Leben schaffen.

Für Ágnes Heller sind vor allem Menschen, die stur dem reinen Verstand folgen und ihre Emotionen unterdrücken, besonders anfällig für jede Form der Manipulation. In ihren letzten Lebensjahren setzte sie sich noch aktiv gegen die Politik ihres Heimatlandes Ungarn, allen voran gegen Viktor Orbán, ein.

Fazit

Wenn über Freiheit nachgedacht wird, richtet sich der Blick oft auf die große Politik. Ágnes Heller tat jedoch das Gegenteil: Sie schuf eine Philosophie des Alltags. Zahlreiche Denkerinnen aller Epochen hatten sich schon vor ihr intensiv mit dem Freiheitsbegriff auseinandersetzten. Heller rückte nun jenen Lebensbereich ins Zentrum, der der Philosophie bislang kaum einer Betrachtung wert schien. Dadurch zeigte sie, dass Freiheit im täglichen Miteinander beginnt.

Dieses Fundament ruht auf zwei Säulen: Gefühlen und der menschlichen Fähigkeit zur Empathie. Gegen eine kalte, technokratische Vernunft setzte Heller die rettende Kraft der Mitmenschlichkeit. Als Überlebende des Nationalsozialismus und Verfolgte des ungarischen Regimes wusste sie aus eigener Erfahrung, wie Systeme Menschen brechen können. Deshalb stand sie zeitlebens jedem totalitären System kompromisslos kritisch gegenüber. Diese Haltung ist bis heute ein leidenschaftliches Plädoyer für den Mut des Einzelnen.

Literaturhinweise:

  • Gleichauf, Ingeborg. 2007 [2005]. Ich will verstehen. Geschichte der Philosophinnen. dtv.
  • Jöhl, Theres. 2001. Ágnes Heller: Paradoxe Freiheit. Eine geschichtsphilosophische Betrachtung. Athena.
  • Pilz, Elke. 2005. Das Ideal der Mitmenschlichkeit: Frauen und die sozialistische Idee. Königshausen & Neumann.
  • Rullmann, Marit & Werner Schlegel. 2018. Denken, um zu leben. Wiesbaden: marix Verlag.

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