Sie selbst bezeichnete sich als Posaune Gottes: die Komponistin, Managerin, Naturwissenschaftlerin, Heilkundlerin, Philosophin, Politikerin, Theologin, Visionärin und Rebellin Hildegard von Bingen.
Hildegard von Bingen stammte aus adligem Haus. Als Adlige hatte sie im Vergleich zu anderen Frauen etwas mehr Wahlmöglichkeiten: Entweder konnte sie eine von der Familie arrangierte Ehe eingehen oder ein Leben im Kloster führen.
Ihre Eltern entschieden für sie: Sie sollte ein Leben ganz für Gott in einem Kloster führen. Ab diesem Tag bestimmte offiziell ein Abt über ihr Leben. Von nun an lebte Hildegard an der Seite von Jutta von Sponheim, einer gelehrten Frau. In den folgenden Jahren studierten sie gemeinsam und eigneten sich enormes Wissen an.
Die geistlichen Institutionen besaßen damals ein Wissensmonopol. Da der Buchdruck noch nicht erfunden war, musste jedes Buch mühsam von Hand abgeschrieben werden.
Nach dem Tod von Jutta von Spornheim wurde Hildegard zur Magistra ernannt und leitete von da an die Schülerinnen im Kloster. In dieser Zeit lockerte sie die Regeln. Dann kam der Moment, in dem sie ihr Geheimnis lüftete: Sie erlebte veränderte Wahrnehmungen und hatte Visionen, in denen Gott zu ihr sprach.
Hildegard von Bingen gilt heute als erste deutsche Mystikerin. Dabei handelt es sich um eine philosophische Strömung, bei der Denkerinnen durch Visionen mit einer absoluten göttlichen Wirklichkeit vereint werden. Hildegard beschäftigte sich unter anderem mit der Frage, inwieweit Körper und Seele zusammenhängen.
Hildegard von Bingen hielt ihre Visionen auch schriftlich fest. Daneben verfasste sie zahlreiche medizinische Schriften.
Darüber hinaus erlaubte sie sich etwas, das es bislang noch nie gegeben hatte: Sie notierte die erste schriftliche Darstellung eines weiblichen Orgasmus. Hildegard schilderte sexuelle Lust als Wille Gottes, als göttliche Kraft. Es war äußerst ungewöhnlich, dass eine Nonne derartiges schriftlich festhielt. Jedenfalls schreibt sie ausführlich darüber in ihrem medizinischen Werk Causae et Curae.
Zwischen 1151 und 1158 verfasste Hildegard von Bingen außerdem mehr als 70 kirchliche Gesänge. Diese Werke zeugen davon, dass sie sich bestens mit der Musikpraxis ihrer Zeit auskannte.
Die einen hielten sie für vom Teufel besessen, die anderen für eine Prophetin und somit für ein Sprachrohr Gottes. Zunächst unterstand sie noch einem Abt, doch sie wollte das ändern und ein eigenes Kloster gründen.
Doch davon wurde sie anfangs abgehalten. Das Benediktinerkloster, dem Hildegard von Bingen angehörte, profitierte von ihrer Bekanntheit. Der Abt ließ sie deshalb nicht einfach so ziehen. Schließlich gelang es ihr doch und sie gründete ein neues, eigenes Kloster auf dem Rupertsberg.
Zu Lebzeiten wurde sie nicht nur für ihr Heilwissen, ihre Schriften und ihre Visionen bekannt, sondern fungierte auch als Beraterin hochrangiger Persönlichkeiten. Zu ihnen zählten Kaiser Friedrich Barbarossa und der damalige Papst, mit denen sie einen Briefwechsel pflegte.
Nach dem Tod Hildegards von Bingen, die für ihre Zeit ein beachtliches Alter von 81 Jahren erreichte, verlor ihr Kloster auf dem Rupertsberg schnell an Bedeutung. Auch ihre Lehren, Schriften und Kompositionen gerieten allmählich in Vergessenheit.
Die Lehren Hildegard von Bingens wurden erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und erfreuen sich seither großer Beliebtheit. Zeugnisse hierfür sind beispielsweise Hildegard-Tees, Hildegard-Gewürze oder Hildegard-Rezepte, aber auch die Übersetzung und Auflage ihrer Schriften.
Obwohl sie von ihren Zeitgenossen bereits als Heilige verehrt wurde, wurde sie von der katholischen Kirche erst im Jahr 2012 heiliggesprochen. Zeitgleich wurde sie zur Kirchenlehrerin erhoben – eine Auszeichnung, die unterstreicht, dass ihr Denken und Handeln für den Glauben von Bedeutung waren.
Literaturhinweise:
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