Die US-Amerikanerin Joan Hinton (1921–2010) erlebte als Physikerin hautnah die erste nukleare Test-Explosion der Geschichte. Doch das Grauen von Hiroshima und Nagasaki veränderte ihr Leben für immer.
Am 6. August 1945 warf die US-Luftwaffe die erste Atombombe über Hiroshima ab, nur drei Tage später eine weitere über Nagasaki. Etwa 100.000 Menschen starben sofort, darunter vor allem Zivilisten und im Krieg verschleppte Zwangsarbeiter. Doch damit war das Sterben noch nicht zu Ende. Es folgten weitere Tote aufgrund von Strahlungskrankheiten. Stand 2024 gab Japan 344.306 Todesopfer für Hiroshima und 198.785 für Nagasaki an.
Die Kernphysikerin Joan Hinton, die am geheimen Projekt mitgearbeitet hatte, war schockiert darüber, wofür Forschung missbraucht wurde.
Joan Hintons Leben war voller Wendungen. 1940 war sie beispielsweise Mitglied der amerikanischen Skimannschaft bei den Olympischen Winterspielen. Dann studierte sie an der Frauenhochschule von Bennington Physik, bevor sie an der Winsconsin Universität ihren Doktortitel erhielt.
Nach ihrem Physikstudium wurde sie für das geheime Manhattan-Projekt angeworben. Bei diesem militärischen Atomforschungsprojekt sollte es gelingen, Waffen aus der Kernspaltung herzustellen. Sie arbeitete als junge Kernphysikerin im geheimen Labor in Los Alamos, New Mexico. Dort war sie eine der wenigen Frauen, die überhaupt am Projekt beteiligt waren. Zu ihren Aufgaben gehörte die Mitarbeit am Bau der ersten Kernreaktoren unter der Leitung von Enrico Fermi. Außerdem war sie beim sogenannten Trinity-Test im Juli 1945 in der Wüste von New Mexiko dabei.
Der Trinity-Test war die erste Explosion einer Kernwaffe in der Geschichte der Menschheit. Die Explosion war gewaltig: Eine Druckwelle, die über 160 Kilometer hinweg sichtbar war, eine bis zu zwölf Kilometer hohe Pilzwolke, wie sie typischerweise bei Atombomben zu sehen ist, sowie geschmolzener Sand, der in der Umgebung zu grünlichem Glas wurde.
Um die wahre Ursache zu vertuschen, gab das Militär zunächst bekannt, dass ein Munitionslager explodiert sei. Der eigentliche Grund wurde erst nach dem 6. August bekannt, nachdem die erste Bombe die japanische Stadt Hiroshima getroffen hatte.
Als Joan Hinton die Ausmaße der Atombomben sowie die dadurch verursachte Zerstörung und das Leid sah, wandte sie sich vom Projekt ab. Sie war schockiert, denn in ihren Augen wurde die Physik für militärische Operationen missbraucht.
In der Folge schrieb sie wütende und verzweifelte Briefe an ihre Familie. Zudem schloss sie sich einer Protestgruppe von Atomforschern an, die vor den Folgen eines atomaren Wettrüstens warnten. Joan Hinton war überzeugt: So ein Wahnsinn darf nie wieder passieren!
Ihre Enttäuschung war groß. Als Konsequenz verließ sie nicht nur das Forschungsprogramm, sondern auch ihr Heimatland. In China baute sie sich mit ihrem Mann ein neues Leben auf und arbeitete in der sozialistischen Landwirtschaft. Nördlich von Peking lebte sie auf einer Farm, wo sie unter anderem eine automatische Melkmaschine erfand.
Der Abwurf der Atombomben auf Japan markiert einen tiefen moralischen und technologischen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. Damit stellt sich die Frage: Kann durch den Einsatz von Waffen – in diesem Fall von Massenvernichtungswaffen – Frieden erzwungen werden?
Das Schicksal von Joan Hinton verdeutlicht zudem das ethische Dilemma der Wissenschaft zu dieser Zeit: Als talentierte Physikerin trug sie zur Entwicklung einer Massenvernichtungswaffe bei. Die tiefe Erschütterung über den militärischen Missbrauch ihrer Forschung führte jedoch zu einem radikalen Lebenswandel.
Literaturhinweise:
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