Klischees

Frau Holle

Frau Holle

Traditionell sind die Wintermonate eine Zeit der Ruhe und Einkehr. Doch es ist auch eine Zeit, die eng mit mächtigen weiblichen Gestalten verbunden ist. Insbesondere die Zeit zwischen den Jahren, die sogenannten Rauhnächte, gehörten ursprünglich Frau Holle und Perchta.

Rauhnächte - Zeit außerhalb der Zeit

Wissenschaftlich betrachtet markieren die Rauhnächte die kalendarische Differenz zwischen dem Mondjahr (354 Tage) und dem Sonnenjahr (365 Tage). Sie beginnen in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember und enden mit der Nacht auf den 6. Januar.

Diese elf Tage und zwölf Nächte gelten als „Zeit außerhalb der Zeit“. Sie sind eine Schwellenphase, eine Zeit des Übergangs, in der die gewohnte Ordnung ruht.

Damit eng verbunden sind vorchristliche Rituale: Bräuche wie das Räuchern dienten beispielsweise dazu, die sterbende Sonne zu stützen und das Leben zurückkehren zu lassen.

Viele dieser Ritale sind mit weiblichen Gestalten wie der Perchta oder Frau Holle verknüpft. Diese Figuren waren daher nie passive, sondern stets aktive Hüterinnen eines wichtigen Zykluses: dem Werden und Vergehen.

Ein Werden & Vergehen

Demzufolge ist die Welt nicht linear, sondern zyklisch: Auf ein Werden folgt ein Vergehen, dann ein neues Werden und so weiter.

So werden auf der Nordhalbkugel die Tage bis zum 21. Dezember immer kürzer. Es scheint, als würde der Tag allmählich sterben, bevor sich das Blatt wendet und die Tage wieder länger werden, sodass alles langsam aus dem Winterschlaf erwacht. Dieser Zyklus der Natur lässt sich Jahr für Jahr beobachten.

Die Bräuche rund um die kürzesten Tage des Jahres helfen den Menschen seit jeher, die Unsicherheiten in der dunklen Jahreszeit zu bewältigen.

Frau Holle und Perchta gelten als Hüterinnen dieser Schwelle zwischen Leben und Tod, dieser Zeit des Winters, in der vieles ruht, bevor der Frühling die Welt zu neuem Leben erweckt. Es handelt sich um alte mündliche Überlieferungen, die eng mit dem Frausein und weiblichem Wissen verbunden sind.

Ein Raum weiblicher Freiheit

Lange bevor Frau Holle und Perchta in die Kinderzimmer der Gebrüder Grimm verbannt wurden, waren sie Symbol für weibliche Souveränität. Sie verkörperten soziales Wissen und die Ordnung des Gemeinschaftslebens.

Um die Bedeutung von Frau Holle und Perchta zu verstehen, müssen wir den Blick in die historische Spinnstube richten: Über Jahrhunderte war das Spinnen im Winter die Hauptbeschäftigung der Frauen. Doch die Spinnstube war weit mehr als ein Ort der Arbeit. Sie war ein geschützter Raum der weiblichen Kommunikation.

Es waren Räume weiblicher Freiheiten: Hier wurden Geschichten erzählt, Heilwissen weitergegeben und junge Frauen in die sozialen Regeln der Gemeinschaft eingeführt. Frau Holle und Perchta fungierten als geistige Schirmherrinnen dieser Räume.

Frau Holle & Perchta

Obwohl Frau Holle und die Perchta oft synonym verwendet werden, spiegeln sie unterschiedliche regionale Facetten derselben Urkraft wider: Während Frau Holle im mitteldeutschen Raum eher als mütterliche, wenn auch strenge Schicksalsweberin und Hüterin der häuslichen Ordnung bekannt ist, verkörpert die alpenländische Perchta eine wildere, duale Natur.

In den Sagen der Alpenregion tritt die Perchta oft in einer Doppelgestalt auf: als „Schönperchta“ und als „Schiachperchta“ (hässliche Perchta). Diese Dualität spiegelt das menschliche Leben wider – Licht und Schatten, Werden und Vergehen.

Beiden gemeinsam bleibt jedoch ihr Kern als archaische Erdmütter, die in den Rauhnächten darüber wachen, dass wir die Zeit des Stillstands ehren und den Übergang in einen neuen Lebenszyklus mit Achtsamkeit vollziehen.

Moralische Instanz

Frau Holle und Perchta symbolisieren somit eine moralische Instanz des ländlichen Raums. Sie stehen für Gleichheit und Maß sowie für Schutz der Schutzbedürftigen:

  • Sie strafen Gier und Faulheit, belohnen aber Bescheidenheit und Fleiß. Damit sichern sie das soziale Gleichgewicht in kargen Zeiten.

  • In verschiedenen Überlieferungen nehmen Frau Holle und Perchta die Seelen der ungetauft verstorbenen Kinder zu sich. Dies zeigt eine tiefgreifende mütterliche Schutzfunktion, die über das irdische Leben hinausgeht.

Vom göttlichen Wesen zur „Hexe“

Im Zuge der Christianisierung versuchte man, diese Bräuche zu beseitigen oder umzudeuten. Mit der Ausbreitung eines einseitig männlich geprägten Weltbildes und der kirchlichen Dogmen veränderte sich die Wahrnehmung dieser Frauenfiguren.

Aus den weisen Hüterinnen der Naturgesetze und des Wissens wurden oft furchteinflößende Schreckgestalten oder „Hexen“ gemacht.

Man versuchte mit aller Kraft, die machtvolle Symbolik der weiblichen Ahnenreihe zu brechen. Die Überlieferungen wurden als Aberglaube abgestempelt und lang gelebte Praktiken ins Lächerliche gezogen.

Doch der Kern blieb bis heute erhalten und verkörpert nach wie vor die tiefe Verbundenheit zur Natur.

Fazit

Frau Holle und die Perchta stehen für eine Zeit, in der die Natur und der Mensch als Einheit begriffen wurden. Damals waren Frauen die zentralen Wissensvermittlerinnen und -bewahrerinnen. Sie lebten im Einklang mit der Natur und ihren Zyklen.

Durch den Einfluss der Kirche wurden Frau Holle und Perchta vielerorts dämonisiert oder zu Kinderschreckfiguren degradiert. Ihre ursprüngliche Rolle als weise, mächtige Naturgöttinnen kam erst durch die Volkskunde und feministische Forschung wieder stärker ans Licht.

Literaturhinweise:

  • Fetzner, Angela. 2023. Die Rauhnächte: Zeit des Wandels, Zeit des Neubeginns. Achiel Verlag.
  • Merz, Gerhard. 2017. Rauhnächte. Kompakt-Ratgeber: Das Mysterium der zwölf Schicksalstage. Mankau-Verlag GmbH.
  • Timm, Erika & Gustav Adolf Beckmann. 2003. Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten: 160 Jahre nach Jacob Grimm aus germanistischer Sicht betrachtet. Hirzel.
  • Tuczay, Christa. 2015. Geister, Dämonen - Phantasmen: eine Kulturgeschichte. Marixverlag.
  • Wagner, Jürgen. 2019. Frau Holle: Gedichte und Geschichten zur verhüllten Göttin. epubli.

.

Verwandte Beiträge: