Geschichtsschreibung

Geraubte Identität

Geraubte Identität

Sie war eine einflussreiche, smarte und erfolgreiche Frau. Sie wurde geschätzt und geachtet. Doch Jahrhunderte später wurde beschlossen, dass aus ihr ein Mann werden sollte. Der Grund? Ihr Leben und Schaffen passte nicht mehr in das Narrativ der Kirche. So erging es der Apostolin Junia (1. Jh.).

Apostelin Junia

Wir begegnen Junia im Römerbrief des Apostels Paulus (Kapitel 16, Vers 7). Dort erwähnt Paulus sie und einen gewissen Andronicus als seine Mitgefangenen – sie wurden aufgrund ihres christlichen Glaubens verhaftet. Zudem bezeichnet Paulus sie als „angesehen unter den Aposteln“.

In der wissenschaftlichen Diskussion wird manchmal die Frage gestellt, ob dies bedeutet, dass sie nur „bekannt bei den Aposteln“ war. Doch der Konsens der Forschung und die Interpretation der frühen Kirche -wie das nachstehende Zitat von Chrysostomos belegt- verstehen diese Formulierung so, dass sie selbst Teil des Apostelkreises war.

So ist vom Kirchenvater Johannes Chrysostomos (4. Jh.) die Aussage überliefert:

Ein Apostel zu sein ist etwas Großes. Aber berühmt unter den Aposteln – bedenke, welch großes Lob das ist. Wie groß muß die Weisheit dieser Frau gewesen sein, daß sie für den Titel Apostel würdig befunden wurde.

  • nach Wilhelm Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen, 1999, Bd. 2, S. 10.

Für die frühe Kirche war es kein Problem, dass Junia eine Frau und Apostelin war. Es gab demnach durchaus Kirchenväter, die Junia bewunderten.

Kirche, Politik & Frauen

Im Frühchristentum nahmen Frauen wiederholt eine zentrale Rolle ein. Sie halfen, die Gemeinschaft aufzubauen und am Leben zu erhalten. Sie waren Apostolinnen, Prophetinnen, Märtyrerinnen, Asketinnen oder Diakoninnen – vieles, was heute nicht mehr möglich ist.

Doch dann gewann die Kirche an Macht und Einfluss, wurde politisch und verdrängte infolgedessen Frauen von aktiven Positionen.

Um in der römischen Gesellschaft akzeptiert zu werden, übernahm die Kirche patriarchale Strukturen. Frauen durften im römischen Recht keine öffentlichen Ämter bekleiden, weshalb sie schrittweise auch in der Kirche von Ämtern ausgeschlossen wurden.

Auf der Synode von Laodicea (4. Jh.) beschlossen die Kirchenväter, dass Frauen in Zukunft keine führenden Rollen mehr in der Kirche übernehmen dürfen. Konkret wurde dort das Einsetzen von Vorsteherinnen verboten. Dies fand ungefähr zu der Zeit statt, als das Christentum zur Staatsreligion wurde und die politische Komponente immer wichtiger wurde.

Identitätsdiebstahl

Was sollte nun mit den Frauen geschehen, die in den Schriften erwähnt wurden und offensichtlich einst wichtige Ämter bekleiden durften?

In den Übersetzungen wurde ein Grammatiktrick genutzt. Im griechischen Urtext sahen die Namensformen im Akkusativ nahezu identisch aus. Durch das spätere Hinzufügen von Akzenten entschieden die Abschreiber über das Geschlecht und machten so aus Junia einen Mann. Dass es diese männliche Form „Junias” in der Antike gar nicht gab, scherte niemanden.

Wenn sich Weltbilder ändern, kann so etwas in der Geschichtsschreibung durchaus vorkommen – übrigens nicht nur im Christentum. Im Fall der Junia passte das Bild einer weiblichen Apostelin nicht mehr in das patriarchalische Weltbild. Deshalb wurde die Geschichte entsprechend angepasst.

Junia in der Ostkirche

Während Junia im lateinischen Westen durch geschickte Umdeutungen allmählich aus dem kollektiven Gedächtnis verschwand, blieb ihr Erbe in der Ostkirche über Jahrhunderte hinweg lebendig. In der orthodoxen Tradition wurde sie nie zum Mann gemacht: Auf prachtvollen Ikonen wird sie seit dem ersten Jahrtausend ununterbrochen als Frau dargestellt.

Dass ihr Name im Osten nicht wegzudenken war, ist auch dem einflussreichen Kirchenvater Johannes Chrysostomos und seinen Lobreden auf ihre Weisheit und Würde als Apostelin zu verdanken.

Fazit

Nach einer fast tausendjährigen Verdrängungsgeschichte kann die Existenz der Apostelin Junia nicht länger geleugnet werden. Sie war eine Gefangene für ihre religiöse Überzeugung, eine anerkannte Leiterin und eine Pionierin.

Ihre Geschichte mahnt uns, gegenüber Überlieferungen wachsam zu sein. Herstory erfindet nichts hinzu. Sie befreit vielmehr historische Wahrheiten von den ideologischen Lasten und Klischees der Vergangenheit.

Literaturhinweise:

  • Bieberstein, Sabine & Daniel Kosch. 2012. Studiengang Theologie: Neues Testament. Paulus und die Anfänge der Kirche. Teil 2. Theologischer Verlag.
  • Eisen, Ute E. 1996. Amtsträgerinnen im frühen Christentum. Epigraphische und literarische Studien (FKDG 61). Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Kötter, Lisa. 2021. Schweigen war gestern: Maria 2.0 - der Aufstand der Frauen in der katholischen Kirche. bene!.
  • Parks, Sara, Shayna Sheinfeld & Meredith J. C. Warren. 2021. Jewish and Christian Women in the Ancient Mediterranean. Routledge.
  • Pichler, Josef & Peter Ebenbauer (Hrsg.). 2025. Partizipation und Leitung in der frühen Kirche. Verlag Herder.
  • Öhler, Markus. 2018. Geschichte des frühen Christentums. utb GmbH.

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