Klischees

Verbotene Literatur

Verbotene Literatur

Undeutsche Bücher? – Weg damit!

Im Nationalsozialismus wurden Bücher zensiert, verboten oder sogar verbrannt, wenn sie nicht mit der nationalsozialistischen Ideologie übereinstimmten. Dies war eine Methode, um Meinungsfreiheit zu unterdrücken und Gleichschaltung zu erreichen. Eine Praxis, die insbesondere in autoritären Regimen angewendet wurde bzw. wird.

Von der nationalsozialistischen Säuberungswelle war unter anderem die Autorin Irmgard Keun (1905–1982) betroffen. Bis zu jenem Zeitpunkt war sie eine beliebte und erfolgreiche Autorin. Ihre gesellschaftskritischen Werke mit modernem Frauenbild galten nun aber als „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“.

Asphaltliteratur

Der Begriff Asphaltliteratur bezeichnete all jene Literatur, die unerwünscht war. Die nationalsozialistische Ideologie sollte jeden Aspekt des Alltags durchdringen. Um dies zu erreichen, wurde unter dem Deckmantel einer „geistigen Erneuerung“ das gesamte kulturelle System nach und nach kontrolliert und zensiert. Alles, was als schädlich eingestuft wurde, musste weichen. Dazu zählten auch Geschichten, die das traditionell propagierte Frauenbild kritisierten oder gar einen Gegenentwurf lieferten.

Mich macht das gottverfluchte Regime krank -die Luft ist vergiftet, man wagt nicht mehr zu atmen, geschweige denn zu denken.

  • Irmgard Keun, Brief vom 1. April 1933 - dem Tag des sogenannten Judenboykotts in Deutschland.

Irmgard Keun fiel den Nationalsozialisten mit ihren Werken über selbstbewusste Protagonistinnen unangenehm auf, weshalb ihre Bücher auf die Liste kamen. In der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1933 fanden an Hochschulorten in ganz Deutschland Bücherverbrennungen statt - auch Irmgard Keuns Bücher wurden ins Feuer geworfen.

Irmgard Keun

Nach einem kurzen Abstecher zur Schauspielerei begann Irmgard Keun mit dem Schreiben. Ihr erstes Werk Gilgi – eine von uns war sofort ein großer Erfolg und wurde nur ein Jahr später verfilmt. Es folgte der zweite Roman Das kunstseidene Mädchen, der viele autobiografische Passagen enthält. Damit gelang ihr der endgültige Durchbruch. Irmgard Keun war eine der Hauptvertreterinnen der Neuen Sachlichkeit, einer kulturellen Strömung der Weimarer Republik (ca. 1918–1933).

Die Protagonistinnen ihrer Werke sind selbstbewusst, modern und freizügig – das Gegenmodell zu dem, was die Nationalsozialisten von Frauen erwarteten. Irmgard Keun ging ins Exil nach Belgien. Als Exilschriftstellerin hatte sie es jedoch schwer: Sie verfiel dem Alkohol und hatte eine verhängnisvolle Beziehung mit dem österreichischen Schriftsteller Joseph Roth.

Toterklärung & Absturz

Im Jahr 1940, nach Einmarsch der Deutschen in den Niederlanden, wo sie mittlerweile lebte, wurde sie fälschlicherweise für tot erklärt. Mit falschen Papieren kehrte sie nach Deutschland zurück. Bis zum Kriegsende lebte sie als Illegale bei ihren Eltern in Köln versteckt.

Nach dem Krieg begann sie wieder zu schreiben. Ihr 1950 erschienener Roman Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen wurde jedoch kaum beachtet. Sie geriet in Vergessenheit.

Aufgrund ihrer Alkoholsucht und ihres Medikamentenmissbrauchs hatte sie immer wieder mit starken körperlichen und psychischen Problemen zu kämpfen. Schließlich wurde sie entmündigt und in die Psychiatrie eingewiesen. Erst Jahre später, 1972, kam sie frei. Es dauerte noch Jahre, bis sie als Schriftstellerin wiederentdeckt wurde.

Fazit

Irmgard Keun verlor im Exil und in der Nachkriegszeit fast alles: ihre Heimat, ihren Erfolg und ihre Gesundheit. Doch ihre Biografie ist mehr als eine Tragödie – sie ist ein Zeugnis außergewöhnlicher Resilienz.

Trotz eines Schreibverbots kehrte sie illegal nach Deutschland zurück, überlebte den Krieg im Untergrund und durfte noch miterleben, wie sie als Schriftstellerin wiederentdeckt wurde. Das macht ihr Leben zu einer äußerst bewegenden Geschichte in der deutschen Literatur. Heute gilt Irmgard Keun als eine der bedeutensten deutschen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts.

Literaturhinweise:

  • Bescansa Leirós, Carme. 2007. Gender- und Machttransgression im Romanwerk Irmgard Keuns: eine Untersuchung aus der Perspektive der Gender Studies. Röhrig Universitätsverlag.
  • Fast, Evelyn. 2007. Das Frauenbild der 20er Jahre: literarische Positionen von Irmgard Keun, Marieluise Fleisser und Mela Hartwig. GRIN Verlag.
  • Keun, Irmgard. 1931. Gilgi – eine von uns. Roman.
  • Keun, Irmgard. 1932 Das kunstseidene Mädchen: Roman.
  • Keun, Irmgard. 1988. Ich lebe in einem wilden Wirbel: Briefe an Arnold Strauss 1933–1947. Gabriele Kreis & Marjory S. Strauss (Hrsg.). Claassen.
  • Krenzlin, Leonore, Magdalena Kardach & Marcin Golaszewski. (Hrsg.). 2016. Zwischen Innerer Emigration und Exil: deutschsprachige Schriftsteller 1933-1945. De Gruyter.
  • Krechel, Ursula. 2015. Stark und leise: Pionierinnen. Jung und Jung.
  • Marchlewitz, Ingrid. 1999. Irmgard Keun: Leben und Werk. Konigshausen & Neumann.
  • Schwering, Markus. 2024. Kölner Literaturgeschichte: von den Anfängen bis zur Gegenwart. Böhlau.

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