Wo die Liebe hinfällt … Das geschieht nicht immer rational. So kommt es durchaus vor, dass sich jemand in einen Feind verliebt und eine Liaison eingeht, die eigentlich nicht sein dürfte.
Im besetzten Frankreich der 1940er Jahre wurde dieses Phänomen für zahlreiche Frauen zur schmerzhaften Realität. Unter dem Begriff der „Horizontalen Kollaboration” vermischten sich dort intimste Gefühle mit politischem Hochverrat.
Nach dem Westfeldzug der deutschen Wehrmacht im Jahr 1940 begann die mehrjährige Besetzung Frankreichs durch Deutschland. Während der Widerstand im Untergrund kämpfte, spielten sich in den Schlafzimmern Dramen ab, die nach der Befreiung ein brutales Nachspiel haben sollten. War es echte Zuneigung, nacktes Überleben oder schlichtweg menschliche Sehnsucht in unmenschlichen Zeiten? Vermutlich war es eine Kombination aus allem.
Bei vielen handelte es sich wohl um Liebesbeziehungen, für zahlreiche Frauen war es sogar die erste Liebe. Doch was geschah nach der Besatzungszeit? Nach der Befreiung im Jahr 1944 galten Frauen, die Beziehungen mit den Besatzern eingegangen waren, nicht als Liebende, sondern als Verräterinnen.
Sie wurden öffentlich gedemütigt. Auf Marktplätzen wurden sie zur Schau gestellt und ihnen wurden die Haare geschoren. Diese Form der Brandmarkung war ein Versuch, mit diesem Kapitel umzugehen. Es war ein schmaler Grat zwischen Verrat und persönlichem, menschlichem Schicksal.
Schätzungen zufolge wurden nach 1944 weit über 20.000 Frauen Opfer solcher öffentlicher Demütigungen. Dabei handelte es sich um eine überaus einseitige Verurteilung. Denn die Männer, die selbst kollaboriert hatten, führten nun teilweise die Scheren.
Am schlimmsten traf es jedoch diejenigen, die aus einer Liaison ein Kind mitbrachten. Dies widersprach dem propagierten Bild der Résistance, dem Widerstand gegen die Besatzer, das es aufrechtzuerhalten galt.
Manchmal wurden diese Frauen nach dem Rasieren der Haare noch weiter gedemütigt. Sie wurden beschmiert, entkleidet und durch die Straßen gejagt. Eine dieser Aktionen ist sogar dokumentiert: Ein schwarz-weißes Foto, das der Fotograf Robert Capa am 16. August 1944 in Chartres aufgenommen hat, zeigt eine dieser Frauen.
Auch die Kinder, die aus diesen Beziehungen hervorgingen, hatten es nicht viel besser. Aufgrund ihrer Herkunft wurden sie über Jahre hinweg schikaniert und stigmatisiert.
So wurde der weibliche Körper zum Spiegelbild eines zerrissenen Landes. Doch am Tag der Abrechnung fragte niemand nach den Motiven. In den Augen der selbsternannten Richter spielte es keine Rolle, aus welchen Gründen eine Frau eine Liaison mit den Besatzern eingegangen war. Sie alle wurden zu Sündenböcken einer Nation, die ihre eigene Ohnmacht mit der Schere tilgen wollte.
Literaturhinweise:
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