Klischees

Tochter des Papstes

Tochter des Papstes

Hübsch und lebenslustig, anmutig und wohl geformt - so wurde sie beschrieben: Lucrezia Borgia (1480–1519), die Tochter des Papstes Alexander VI., der sie als politische Schachfigur benutzte.

Kinder & Kirchenmänner

Uneheliche Kinder von Kirchenmännern? Das war keine Seltenheit. Doch Kardinal Rodrigo Borgia (1431-1503), der spätere Papst Alexander VI. (amt. 1492–1503), machte etwas, das unüblich war: Er erkannte mehrere seiner unehelichen Kinder öffentlich als solche an.

Kardinal Rodrigo Borgia hatte mehrere Mätressen. Sogar mit 70 Jahren soll er sich noch eine junge Mätresse gehalten haben. Mit Vanozza de' Cattanei (1442-1518), der langjährigen Geliebten und beratenden Weggefährtin, hatte er vier Kinder. Eine davon war Lucrezia.

Kardinal Borgia war ein mächtiger Mann der Renaissance. Lucrezia war laut Überlieferungen das Kind, das er besonders liebte. Schon bald schmiedete er Heiratspläne, die allesamt politisch motiviert waren. So war seine Tochter zweimal verlobt, bevor sie schließlich zum ersten Mal den Bund der Ehe mit einem dritten Mann einging.

Schachfigur des Papstes

Dass die Wahl ihres ersten Mannes auf Giovanni Sforza fiel, war eine Dankesgeste. Seine Familie war nämlich maßgeblich daran beteiligt, dass Kardinal Borgia in der Konklave zum Papst gewählt wurde.

Doch schon bald war der Papst diese Verbindung überdrüssig. Die politische Lage hatte sich geändert und so sollte auch eine neue familiäre Bindung diesem Umstand gerecht werden. Es sollte also ein neuer Pakt geschlossen werden, doch Lucrezia war noch verheiratet. Papst Alexander überredete seine Tochter, einen Antrag auf Annullierung ihrer Ehe zu stellen. Als Grund wurde „mangels Vollzugs” angegeben – einer der wenigen Gründe, eine Ehe aus kirchlichem Recht annullieren zu lassen. Die Ehe sollte wegen angeblicher Impotenz für unrechtmäßig erklärt werden.

Doch Lucrezias Ehemann war damit nicht einverstanden. Er versicherte, die Ehe vollzogen zu haben, oft sogar. Als von ihm verlangt wurde, seine Potenz öffentlich unter Beweis zu stellen, zog er sich zurück. Die Ehe wurde schließlich annulliert.

Alfonso von Aragon wurde Lucrezias zweiter Ehemann. Dies war erneut ein politischer Schachzug ihres Vaters, um sich seine Macht zu sichern. Aus dieser Verbindung ging ein Sohn hervor. Doch schon bald schürten sich Gerüchte, dass der zweite Ehemann dem Papst nicht uneingeschränkt loyal gestimmt sei. Ein erstes Attentat überlebte er, doch kurze Zeit später wurde Alfonso von Aragon erdrosselt aufgefunden. Lucrezia war nun Witwe.

Als junge Witwe, sie war erst 20 Jahre alt, war sie frei für eine weitere Ehe. Papst Alexander wählte Alfonso d’Este. Es waren erneut politische Beweggründe, die zu dieser Ehe führten.

Doch die Machtspiele hinterließen ihre Spuren. Lange waren bereits Gerüchte im Umlauf, dass ihr Vater, der Papst, mit ihr Inzest betreibe oder dass sie eigentlich eine Giftmischerin sei – ein Makel, der sich bis an ihr Lebensende hartnäckig halten sollte.

Endlich frei oder doch nicht?

Lucrezia zog nach Ferrara zu ihrem dritten Ehemann. Die Stadt war damals modern und Lucrezia fühlte sich wohl. Dann verstarb ihr Vater. Dadurch schwand ihre politische Bedeutung. Doch gleichzeitig bedeutete es auch, dass er nicht mehr über ihr Leben bestimmen konnte.

Wenige Jahre später wurde ihr Mann Herzog und sie somit Herzogin. Dank ihres persönlichen Netzwerks, das sie über die Jahre aufgebaut hatte, war sie ihrem Mann eine große Hilfe.

Sie zeigte mehrfach ihr politisches und unternehmerisches Geschick. Die Zeiten waren überaus unruhig, doch sie verhalf Ferrara, wieder zur Ruhe zu kommen. Außerdem ließ sie Sümpfe trockenlegen, um fruchtbares Land zu gewinnen.

Nachdem Lucrezia mehrere Fehlgeburten erlitten hatte, gelang es ihr schließlich, ihrem Mann einen Thronfolger zu schenken. Damit war ihr Status als Ehefrau gesichert. Es folgten noch mehrere Geburten, die ihr körperlich sehr zusetzten. Als sie mit 39 Jahren ihrem letzten Kind das Leben schenkte, waren ihre Kräfte aufgebraucht. Mutter und Tochter verstarben.

Fazit

Als Tochter eines Kardinals und späteren Papstes war ihr Leben von Anfang an darauf ausgerichtet, gut geplant und politisch vorteilhaft eingesetzt zu werden. Es glich einem Schachspiel, in dem sie die Spielfigur ihres Vaters war.

Ihr Vater, Papst Alexander VI., war ein mächtiger Mann der Renaissance. Doch er war nicht der einzige Papst, der das Zölibat brach beziehungsweise nicht ganz so ernst nahm. Während er seine Tochter gezielt für seine Zwecke einsetzte, sah sich Lucrezia mit schweren Vorwürfen wie Unsittlichkeit und Inzest konfrontiert. Sie galt lange als Femme Fatale, wurde auch künstlerisch so interpretiert.

Dass sie über die Jahrhunderte genau so in Erinnerung blieb, war wohl maßgeblich der Frauenfeindlichkeit geschuldet, in deren Bild sie nur allzu gut passte. Heute wird ihre Geschichte aus einer anderen Perspektive neu aufgerollt. Denn am Ende war sie weit mehr als nur die Schachfigur ihres Vaters.

Literaturhinweise:

  • Bradford, Sarah. 2005. Lucrezia Borgia: Life, Love and Death in Renaissance Italy. Penguin.
  • Hausmann, Friederike. 2019. Lucrezia Borgia: Glanz und Gewalt. C.H.Beck.
  • Neumann, Florian. 2019. Die Wahrheit über Lucrezia Borgia. Reclam.
  • Reinhardt, Volker. 2021. Die Borgia: Geschichte einer unheimlichen Familie. C.H.Beck Wissen.
  • Reinhardt, Volker. 2011. Alexander VI. Borgia: Der unheimliche Papst. C.H.Beck.
  • Uhl, Alois. 2008. Papstkinder: Lebensbilder aus der Zeit der Renaissance. Piper.

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