Die Italienerin Anna Morandi Manzolini (1714-1774) war eine herausragende Wissenschaftlerin und Wachsbildnerin. Zusammen mit ihrem Mann war sie so erfolgreich, dass sogar der Papst sie dabei unterstützte, Leichen zu Forschungszwecken zu sezieren. Zu diesem Zweck wurde ein bestehendes Gesetz zur Leichenschändung außer Kraft gesetzt.
Über ihre Kindheit und Jugend ist nur wenig bekannt. Sie dürfte jedoch eine gute Bildung genossen haben. Überliefert ist außerdem, dass sie in Werkstätten die Bildhauerei und das Zeichnen erlernte.
Im Jahr 1740 heiratete sie Giovanni Manzolini. Das Paar bekam acht Kinder, von denen nur zwei das Erwachsenenalter erreichten.
Ihr Mann lehrte in Bologna Anatomie. Zunächst arbeiteten beide in der Werkstatt von Ercole Lelli. Lelli erhielt vom Papst den Auftrag, Wachsfiguren von Männern und Frauen anzufertigen. Doch die Arbeiten waren ungenau. In einem Streit verließen die Manzolinis die Werkstatt und richteten eigene Räume für ihre Arbeit ein.
Ihr Wissen über Anatomie, das sie sich beim Sezieren angeeignet hatten, war beachtlich. Schon bald erhielten sie Aufträge und gaben Anatomie-Lektionen. Dann kam ein großer Auftrag, bei dem sie 20 anatomische Wachsmodelle von weiblichen Fortpflanzungsorganen und dem Uterus in den verschiedenen Phasen der Schwangerschaft anfertigen sollten. Dies diente zur Ausbildung von Hebammen.
Nach dem Tod von Giovanni Manzolini führte Anna Morandi Manzolini die Werkstatt selbst weiter. Sie schuf zwei Wachsfiguren von sich und ihrem Mann, die zeigen, wie er ein Herz und sie ein Hirn seziert.
Sie verfasste das unveröffentlichte Werk „Catalogo dei Preparati Anatomici”, in dem sie das männliche Urogenitalsystem beschreibt. Damit war sie eine große Ausnahme. Normalerweise waren es männliche Gelehrte, die den Körper – auch den weiblichen – beschrieben. Nun war es eine Frau, die mit geschultem Blick über den Körper forschte und schrieb – auch über den männlichen.
Ihre Arbeit erhielt großen Zuspruch. So wurde ihr beispielsweise eine Honorarprofessur an der Universität von Bologna verliehen, wo sie Anatomie lehrte.
Als Pionierin ihrer Zeit drang Anna Morandi Manzolini in intellektuelle Sphären vor, die für Frauen damals als absolut unerreichbar galten. Sie war nicht nur eine exzellente Wissenschaftlerin, sondern auch eine Künstlerin von internationalem Rang.
Dank ihrer profunden anatomischen Studien und ihrer täuschend echten, brillanten Wachsmodelle zog sie die Aufmerksamkeit der europäischen Elite auf sich. So gelang es ihr, ein stabiles Netz aus mächtigen Gönnern und Förderern um sich zu scharen. Zu ihren Bewunderern zählten einflussreiche weltliche Herrscher und sogar das katholische Kirchenoberhaupt. Dadurch durchbrach sie die starren Barrieren ihrer Zeit.
Das zeigt einmal mehr, dass es in jeder Epoche erfolgreiche und einflussreiche Frauen gab – selbst dann, wenn die gesellschaftliche Mehrheit von der natürlichen Unterlegenheit der Frau überzeugt war.
Literaturhinweise:
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