Norddeutschland, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts: Frauen waren für den Haushalt oder die Arbeit in der Fabrik zuständig. Bürgerliche Frauen lebten wie in einem goldenen Käfig und hatten die Aufgabe, nach außen zu repräsentieren. Sie wurden von ihrem Vater und später von ihrem Ehemann bevormundet.
Johanna Mestorf (1828–1909) hingegen sprengte diese gesellschaftlichen Erwartungen. Sie führte ein unabhängiges Berufsleben. Da sie unverheiratet blieb, besaß sie die rechtliche und finanzielle Freiheit, die verheirateten Frauen durch die Vormundschaft ihrer Ehemänner oft fehlte.
Heute zählt sie zu den wichtigsten Archäologinnen Deutschlands des 19. und 20. Jahrhunderts. Obwohl sie nie zu einem Hochschulstudium zugelassen wurde, arbeitete Johanna Mestorf sich zur ersten Museumsdirektorin Preußens hoch und erhielt sogar den Professorentitel verliehen.
Johanna Merstorf war die Tochter eines Arztes, der sich für Altertumsforschung interessierte. Sie besuchte die Höhere Töchter-Schule und arbeitete anschließend vier Jahre lang als Erzieherin in Schweden.
Zurück in Deutschland begleitete sie eine italienische Gräfin auf ihren Reisen und arbeitete dann als Sekretärin für ausländische Korrespondenz. Während all dieser Tätigkeiten eignete sie sich autodidaktisch umfassende Kenntnisse in Altertumskunde an.
Aufgrund ihrer hervorragenden Sprachkenntnisse und ihrer inzwischen auch fachlichen Kompetenz in der Altertumsforschung begann sie, skandinavische Werke über Archäologie ins Deutsche zu übersetzen. Schon bald folgten eigene wissenschaftliche Schriften.
1873 gelang Johanna Mestorf der berufliche Durchbruch, als sie Kuratorin am Museum für Altertümer in Kiel wurde. 1891 wurde sie zur Direktorin ernannt. Nach Amalie Buchheim (1819-1902) war sie die zweite Frau in Deutschland, die eine bezahlte Stelle in einem Museum erhielt.
Doch sie wurde nicht so bezahlt, wie ein Mann in dieser Position bezahlt worden wäre. Sie erhielt einen Hungerlohn. Durch diese Einsparung konnte das Museum sogar noch einen weiteren Mitarbeiter finanzieren.
Mit der Zeit stieg sie zu einer international anerkannten Wissenschaftlerin auf, obwohl sie nie ein Hochschulstudium absolviert hatte. Sie prägte beispielsweise den Begriff „Moorleiche”. Auch stellte sie den ersten Katalog über Moorleichen zusammen und ermöglichte somit erstmals vergleichende Studien in diesem Bereich.
Johanna Mestorf revolutionierte mit ihrer Arbeit die Archäologie des 19. Jahrhunderts, indem sie Moorleichen nicht länger als bloße Kuriositäten betrachtete. Ihr besonderes Augenmerk galt der systematischen Dokumentation und der dauerhaften Konservierung organischer Funde. Damit legte sie den Grundstein für die moderne Erforschung der vor- und frühgeschichtlichen Lebenswelten in Norddeutschland.
Im Alter ehrte die Universität Kiel sie mit Auszeichnungen. Anlässlich ihres 71. Geburtstags im Jahr 1899 wurde sie als erste Frau in Preußen zur Honorarprofessorin ernannt. Zehn Jahre später würdigte die Medizinische Fakultät ihre Forschung zu Moorleichen mit der Ehrendoktorwürde.
Seit 2013 wird der Johanna-Mestorf-Preis verliehen. Alle zwei Jahre werden damit exzellente Doktorarbeiten im Bereich der Mensch-Umwelt-Forschung ausgezeichnet.
Johanna Mestorf schrieb ihre eigene Geschichte. In einer Zeit, in der Frauen systematisch unter die Vormundschaft von Männern gestellt wurden, erkämpfte sie sich durch autodidaktischen Fleiß den Zugang zur Wissenschaft.
Indem sie unverheiratet blieb, bewahrte sie sich die rechtliche Autonomie, die sie für ihren Aufstieg zur ersten Professorin Preußens benötigte. Ihr Leben zeigt eindrucksvoll, wie weibliche Exzellenz gesellschaftliche Schranken niederreißen kann.
Literaturhinweise:
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