Mutterschaft ist eine komplexe und äußerst ambivalente Rolle. Betrachtet man sie aus religiöser Perspektive, wird sie noch komplizierter. Das gilt auch für das Bild der Mutter im tibetischen Buddhismus. Dabei reicht es nicht aus, einen einfachen Blick in tibetische Texte zu werfen. Erst das Lesen zwischen den Zeilen, oder sogar darüber hinaus, vervollständigt das Bild.
Dieser Blogbeitrag gibt einen kleinen Einblick in meine kulturwissenschaftliche Forschung.
Das Bild der fürsorglichen Mutter sowie die Mutterschaft im Allgemeinen gelten vielerorts als gesellschaftliches Ideal für Frauen. Begründet wird dies damit, dass die Mutter in der Regel der erste und wichtigste Einfluss im Leben eines Kindes ist, da sie es ernährt und umsorgt. Dies lässt sich auch in tibetisch-buddhistischen Gesellschaften beobachten, in denen von Frauen traditionell erwartet wird, liebevolle Ehefrauen und Mütter zu werden.
Darüber hinaus ist die Mutterschaft im buddhistischen Kontext eine Metapher dafür, wie fühlende Wesen, die wir Menschen sind, einander behandeln sollten: nämlich wie eine fürsorgliche Mutter. Das Prinzip gilt spiegelbildlich: Wir sollten auch alle fühlenden Wesen so lieben, als wären sie unsere Mütter.
Mutterschaft ist gleichzeitig eine gesellschaftliche Gratwanderung. Denn Muttersein bedeutet nach buddhistischem Kontext auch, auf dem eigenen spirituellen Weg auf Hindernisse zu stoßen. So liegt diese Rolle an der Schnittstelle von Liebe und Mitgefühl, ist aber auch mit Herausforderungen, Enttäuschungen und Nöten verbunden. Gefühle wie Trauer und Schmerz können nämlich den eigenen spirituellen Weg behindern. In dieser Hinsicht kann die Mutterschaft, selbst wenn sie gesellschaftlich erwartet wird, einen Stolperstein darstellen. Muttersein ist demnach eine durch und durch ambivalente Angelegenheit.
Enttäuschungen und Schwierigkeiten können bereits vor einer Geburt auftreten: unerfüllter Kinderwunsch, ungewollte Schwangerschaften bis hin zu Komplikationen während der Schwangerschaft oder gar Fehlgeburten.
Im Durchschnitt erlebt jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens eine Fehlgeburt. Eine Fehlgeburt ist ein äußerst traumatisches Erlebnis, das bleibende Spuren hinterlassen kann. Auch heute noch ist dies ein großes Tabuthema - weltweit. Zu weiteren traumatischen Erlebnissen zählen etwa Totgeburten oder der Tod eines Kindes während oder kurz nach der Geburt. Doch auch solche Ereignisse werden bereits in jahrhundertealten tibetischen Texten erwähnt.
Zu den Herausforderungen des Mutterseins gehören die Geburt eines gesunden Kindes, die Unterstützung des Kindes beim Überstehen des Säuglingsalters sowie das eigene Überleben von Geburt und der Zeit danach. In Tibet gab es eine hohe Mütter- und Säuglingssterblichkeitsrate, die die buddhistische Zentrallehre vom Leiden, das das Leben mit sich bringt, auf schmerzhafte Weise erlebbar machte. Die erste edle Wahrheit des Buddhismus lautet nämlich: Alles Leben ist leidvoll.
Wenn eine Mutter im Kindbett oder kurz danach starb, bedeutete das für die Familie natürlich großes Leid. Doch der Tod der Mutter brachte nicht nur emotionalen, sondern auch wirtschaftlichen Schmerz. Es fehlte eine Arbeitskraft. Auch das ist in tibetischen Texten zu finden. Manche Familien hatten anschließend Schwierigkeiten, die Steuern zu zahlen, da ihnen eine wichtige Arbeitskraft fehlte.
In verschiedenen Texten sind Aufzeichnungen über tibetisch-buddhistische Nonnen überliefert, die Mütter wurden. Als Nonne schwanger zu werden, war zweifellos ein besonderer Umstand, und eine schwangere Nonne sah sich vielen Herausforderungen gegenüber. Ein solcher Umstand wurde als Beweis dafür angesehen, dass Frauen anfälliger für Versuchungen seien – eine in Tibet weit verbreitete Überzeugung.
Da Frauen nach buddhistischer Vorstellung als minderwertiger galten und Männern intellektuell unterlegen waren, mussten Frauen und Nonnen immer wieder abfällige Bemerkungen ertragen. Eine schwangere Nonne war noch mehr Spott ausgesetzt, selbst wenn sie von einem hochrangigen Geistlichen geschwängert wurde.
Vieles von dem, was über das Muttersein geschrieben wurde, entspricht dem idealisierten Bild einer Mutter: Sie verfügt über vorzügliche Eigenschaften, erlebt die wundersame Geburt eines Sohnes von großer religiöser Bedeutung und kümmert sich liebevoll und selbstlos um ihn und andere Lebewesen. Dies zeugt erneut von der angestrebten Stellung und Rolle einer Mutter: Mitgefühl und Liebe zu zeigen, aber selbst im Hintergrund zu bleiben.
Doch was genau macht eine gute Mutter aus? Welche Eigenschaften zeichnen sie aus, sei es in der Vergangenheit oder in der Gegenwart, in Tibet, in Deutschland oder irgendwo anders auf der Welt?
Wie überall auf der Welt gibt es Frauen, die voll und ganz in ihrer Mutterrolle aufgehen. Doch es gibt auch Vorurteile und unerreichbare Ideale. Immer mehr Frauen entscheiden sich heute bewusst dagegen, Mutter zu werden. Andere wünschen sich Kinder, doch können keine bekommen. Wieder andere Frauen erfüllen sich ihren Wunsch, Mutter zu werden, um irgendwann festzustellen, dass sie von den Erwartungen und der damit verbundenen Arbeitsbelastung überfordert sind.
Ein Blick in tibetische Quellen zeigt eine universelle Wahrheit: Mutterschaft ist kein makelloses Podest, sondern ein ambivalenter Raum, in dem sich bedingungslose Liebe, gesellschaftliche Erwartungen und persönliche Herausforderungen miteinander verweben. Sie als bloßes Ideal zu verklären, wird den realen Erfahrungen von Frauen weder damals noch heute gerecht.
Hinweis: Zu diesem Thema durfte ich im Herbst 2025 einen Vortrag für die Staatsbibliothek zu Berlin halten.
Literaturhinweise:
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