Obwohl Jacqueline Pascal (1625-1661) heute oft nur als „die Schwester“ des berühmten Blaise Pascal in Erinnerung bleibt, zeugen ihre Schriften von einer radikalen intellektuellen Eigenständigkeit.
In ihrem im Jahr 1653 verfassten autobiografischen Bericht verteidigte sie leidenschaftlich das Recht der Frau, ihrer Berufung unabhängig von finanziellen Mitteln oder familiärem Widerstand zu folgen. Als Leiterin der Klosterschule von Port-Royal verfasste sie mit A Rule for Children (1657) zudem eine wegweisende pädagogische Abhandlung, die moralische und theologische Tugenden in den Mittelpunkt der Bildung rückte.
Jacqueline Pascal war das jüngste Kind eines Rechtsanwalts und Steuereintreibers. Kurz nach ihrer Geburt starb ihre Mutter, sodass der Vater die Erziehung der Kinder übernahm. Im Jahr 1631 zog die Familie nach Paris, wo der Vater schnell in die intellektuellen Kreise um René Descartes aufgenommen wurde.
Mit acht Jahren verfasste Jacqueline ihre ersten eigenen Verse. Mit elf Jahren schrieb und inszenierte sie zusammen mit zwei anderen gleichaltrigen Mädchen ein vollständiges, fünfaktiges Theaterstück. Mit zwölf veröffentlichte sie ihr erstes Buch.
Sie erlangte schnell Berühmtheit für ihre Gedichte und wurde im Jahr 1638 von der französischen Regentin, Königin Anna von Österreich (1601–1666), persönlich nach Saint-Germain-en-Laye eingeladen. Mit dieser Einladung bedankte sich die Königin für ein Gedicht, das sie anlässlich ihrer Schwangerschaft erhalten hatte.
Jacqueline Pascal fühlte sich schon früh dem Glauben hingezogen, doch ihr Vater weigerte sich, seine Zustimmung zu geben, damit sie ins Kloster gehen konnte. Nach dessen Tod stellte sich ihr berühmter Bruder, der Universalgelehrte Blaise Pascal, quer. Er war auf ihre Hilfe als Pflegekraft und Sekretärin angewiesen und wollte sie deshalb nicht ziehen lassen.
Doch Jacqueline ließ sich nicht beugen. In einer konsequenten Entscheidung trat sie heimlich in das Kloster ein und bewies damit, dass ihr Ruf nach intellektueller und religiöser Freiheit für sie wichtiger war als familiäre Verpflichtungen.
Die Zisterzienserin Jacqueline Pascal leistete bedeutende Beiträge zur Pädagogik und Bildungsphilosophie. Sie verstand den Beruf der Lehrerin als geistliche Begleiterin. In dieser Funktion sei sie für den moralischen Fortschritt ihrer Schülerinnen verantwortlich. Dabei waren asketische Übungen und persönliche Gespräche von zentraler Bedeutung.
Auch in Bezug auf die Rechte von Frauen entwickelte sie eine eigene Philosophie: Für sie war theologische Bildung mehr als nur Gebetsrituale; sie forderte für Frauen einen tiefen Zugang zur Glaubenslehre. In ihrem Modell für die Klosterschule brach sie traditionelle Rollen auf, indem sie Nonnen dazu ermutigte, die Bibel selbst zu interpretieren und zu unterrichten, anstatt dies nur Männern zu überlassen.
Außerdem verteidigte sie die Gewissensfreiheit von Frauen. In ihren im 17. Jahrhundert verfassten Schriften betonte sie, wie wichtig es für Frauen ist, ihrer persönlichen Berufung nachzugehen – unabhängig von wirtschaftlichen Ressourcen und der Haltung der Eltern.
Jacqueline Pascal bildete sich gerne selbst eine Meinung. So lernte sie den Philosophen René Descartes kennen. In ihren Augen war er kein strahlendes Genie, sondern ein eitler, distanzierter Denker, dessen rein rationale Philosophie die Tiefe des spirituellen Erlebens vollkommen vernachlässigte.
Sie war nicht die erste Frau, die Descartes’ Philosophie kritisierte. Auch Lady Anne Conway (1631–1679) gehörte zu den Kritikerinnen.
Trotz ihres kurzen Lebens hinterließ Jacqueline Pascal zahlreiche Werke. Noch bevor sie ins Kloster eintrat, schrieb sie vorwiegend Poesie. Dabei wandelte sich ihre frühe, von Romantik und Politik geprägte Lyrik zu einer Form, in der später theologische und meditative Motive im Vordergrund standen.
Daneben erschienen Werke über die Erziehung und Freiheit von Frauen. Insgesamt verfasste Jacqueline Pascal bis zu ihrem Tod Werke der unterschiedlichsten Genres: Gedichte, Briefe, autobiografische und biografische Texte, spirituelle und pädagogische Abhandlungen sowie juristische Schriften.
Obwohl sie grundlegende Schriften verfasste, kennt sie heute kaum jemand. Da stellt sie die Frage: Warum wurde sie als Philosophin und Denkerin ignoriert?
Das liegt vor allem an den Barrieren ihrer Zeit: Während ihr Bruder in der öffentlichen Welt der Wissenschaft glänzte, floss Jacquelines Denken in religiöse Gebrauchstexte und Briefe ein. Diese wurden lange Zeit lediglich als geistliche Literatur statt als eigenständige Moral- und Erziehungsphilosophie gewürdigt – ein Schicksal, das sie mit vielen klugen Frauen der Geschichte teilt.
Literaturhinweise:
.
Verwandte Beiträge: