Einem immer noch weit verbreiteten Klischee zufolge waren Männer stark, nahmen wichtige Rollen in Gesellschaften ein, während Frauen für das Gebären der Kinder zuständig waren. Doch ein historischer Fund hat einmal mehr bewiesen, wie falsch Schubladendenken sein kann: Ein als Mann deklarierter Fund entpuppte sich als Frau. Wie konnte es dazu kommen?
In der Nähe von Stonehenge wurde vor über 220 Jahren ein Grab aus der Bronzezeit entdeckt. Es war reich geschmückt und den Forschern wurde schnell klar, dass hier ein hochrangiger Mann bestattet worden war. Bekannt wurde der Fund als “Schamane von Upton Lovell”.
Die Untersuchungen ergaben, dass die vor rund 3800 Jahren verstorbene Person mit einem prächtigen Zeremonialumhang bestattet worden war. Dieser war mit Tierknochen verziert. Außerdem trug die Person eine goldene Halskette, verschiedene Speer- und Pfeilspitzen sowie ein Beil als Grabbeigaben bei sich. Darüber hinaus wurde die Person mit einem Beutel, der Utensilien für Goldschmiedearbeiten enthielt, sowie mit einem Behälter, in dem einst Bindemittel angemischt wurden, bestattet.
Was lange Zeit als Mann galt, wurde nun als Frau identifiziert. Möglich wurde diese Korrektur durch DNA-Analysen.
Die Grabbeigaben deuten darauf hin, dass diese Frau Bronze- und Goldobjekte herstellte. Diese These wird durch Arthrose im rechten Handgelenk gestützt, die darauf hindeutet, dass sie regelmäßig mit Werkzeugen gearbeitet hat. Sie gilt daher als Pionierin der Metallverarbeitung. Neben ihrer handwerklichen Tätigkeit hatte sie wohl auch eine bedeutende spirituelle Rolle inne. Dies zeigt, dass Frauen durchaus eine hohe soziale Stellung erreichen konnten.
Die Forscher, die sich anfangs mit dem Fund befassten, wären nie auf die Idee gekommen, dass es sich hierbei um das Grab einer Frau handeln könnte. Dies hätte nicht in die vorherrschenden Rollenvorstellungen gepasst. Doch nicht zum ersten Mal brachte eine DNA-Analyse genau das zutage: Immer wieder entpuppt sich ein ursprünglich als Mann identifizierter Fund als Frau.
Bei Kanalbauarbeiten wurden 1934 im deutschen Bad Dürrenberg die sterblichen Überreste von zwei Menschen gefunden: ein Erwachsener und ein Kleinkind. Schnell stand fest, dass es sich bei dem Erwachsenen um einen einflussreichen Schamanen handeln musste. Es stellte sich jedoch heraus, dass dort gar kein Mann, sondern eine mächtige Frau bestattet lag.
Ähnlich war es bei einer Grabung im schwedischen Birka im Jahr 1878, als ein Wikingergrab entdeckt wurde. Die Grabbeigaben – darunter Pferde, Waffen und andere Ausrüstungsgegenstände – ließen zunächst auf einen bedeutenden Krieger schließen. Doch DNA-Analysen zeigten auch in diesem Fall, dass in dem Grab eine starke und bedeutende Frau lag.
Auch auf der iberischen Halbinsel wurde ein Grab mit besonderen Beigaben entdeckt: ein Dolch mit Elfenbeingriff und Bergkristallklinge, Keramikobjekte, für Südspanien ungewöhnliche Straußeneierschalen, Bernstein, Spuren von Wein und Cannabis. Dieser Fund wurde als Grab eines vermeintlichen Fürsten, der vor etwa 5000 Jahren lebte, interpretiert. Doch in Wirklichkeit war es eine Fürstin. In der iberischen Kupferzeit war die prominenteste Führungspersönlichkeit, die wir heute kennen, eine Frau.
Demnach hatten Frauen bereits vor Jahrtausenden hohe Positionen innerhalb von Gemeinschaften inne. Auch sie konnten einen hohen sozialen Status erreichen und waren weitaus mehr als nur diejenigen, die sich um den Nachwuchs kümmerten.
Gefährliches Schubladendenken funktioniert auch in die andere Richtung. Vor rund 2000 Jahren versank in Deutschland ein gefesselter und mit verbundenen Augen versehener Körper. Eine Ehebrecherin! Ein Ritualmord an einer Frau! Der Fund wurde als „Moorleiche von Windeby” bekannt. Allerdings wurde die Person fälschlicherweise als Frau identifiziert. Diesmal handelte es sich um einen Mann.
Diese Beispiele zeigen eindrucksvoll, wie leicht etwas falsch interpretiert, in eine Schublade gesteckt und darauf basierend falsche Schlüsse gezogen werden. Nicht immer lassen sich Vorurteile und vorgefertigte Frauen- bzw. Männerbilder auf Funde quer durch die Epochen übertragen.
Um die Dynamiken einer längst vergangenen Zeit zu beschreiben, griffen Forscher immer wieder auf ihre eigenen, vorherrschenden Geschlechterrollen zurück. Dieses Verständnis wurde als wahr akzeptiert und wird teils bis heute reproduziert. So entstanden verzerrte Geschichtsbilder und Narrative. Als Nebeneffekt wurden dadurch aber auch die eigenen gesellschaftlichen Rollen und Vorstellungen gefestigt.
Hinzu kommt, dass die als Menschheitsgeschichte präsentierte Geschichte lange Zeit nichts weiter als Männergeschichte war. Frauen wurden durch die Epochen hindurch immer wieder ausgeklammert. So kam es, dass auch geschichtliche Ereignisse rückblickend durch die Brille von Männern betrachtet, interpretiert und niedergeschrieben wurden.
Wie gut, dass moderne Forschungsmethoden verstaubte Selbstverständlichkeiten in ein neues Licht rücken! So können wir nach und nach die Schieflage in unserem Verständnis von Geschichte beheben. Wir können sie ergänzen. Wir können Mythen über angeblich vorgegebene Rollenbilder kritisch hinterfragen und korrigieren – vor allem jene, die bis heute gelebt werden.
Literaturhinweise:
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