Die reformatorische Gruppe der Täufer war anfangs progressiv. Frauen traten als Prophetinnen auf und waren ein aktiver Teil der Bewegung. Doch dann verschlechterte sich ihre Stellung und sie wurden zunehmend kontrolliert.
Mitten drin: die Niederländerin Divara van Haarlem (ca. 1511–1535). Als „Königin der Täufer“ trug sie eine goldene Krone, doch ihr Leben war kein Märchen. Ihr Leben ist das Paradebeispiel dafür, wie patriarchale Systeme den Frauenkörper zur Machtausübung instrumentalisieren.
Divara van Haarlem wurde um 1511 als Dieuwertje Brouwersdr. in Haarlem (Niederlande) geboren. Ihr Vater war Brauer.
Divara schloss sich der reformatorischen Bewegung der Täufer an. Sie ging eine Beziehung mit Jan Matthys ein, einer der führenden Persönlichkeiten der Täufer. Matthys verließ für sie seine Ehefrau, um mit Divara zusammenzuleben. Im Februar 1534 trafen die beiden im westfälischen Münster ein und erklärten die Stadt prompt zum „Neuen Jerusalem“.
Sie setzten die Erwachsenentaufe durch. Sie betrachteten die Taufe von Kindern als ungültig, da diese nicht aus eigener Entscheidung heraus erfolgt war. Deshalb tauften sie Menschen im Erwachsenenalter. Dies führte dazu, dass ihre Gegner sie als „Wiedertäufer” bezeichneten.
Wer sich als Erwachsener nicht taufen lassen wollte, musste Münster verlassen. Kurz darauf besetzten die Täufer das Rathaus und den Marktplatz und übernahmen die Kontrolle über die Stadt.
Die Prophezeiung von Jan Matthys, Jesus würde im April 1534 in Münster auf die Erde zurückkehren, erfüllte sich nicht. In seiner Verzweiflung begab er sich vor die Stadttore, wo die Truppen des Bischofs die Stadt bereits belagerten. Matthys wurde bei den Kampfhandlungen getötet.
Nach dessen Tod reagierte der neue Prophet Jan van Leiden schnell. Er heiratete Divara van Haarlem und ernannte sie zur Königin. Sie trug fortan eine Krone, feine Kleider und umgab sich mit einem eigenen Hofstaat. Doch der Schein trügt: Jan van Leiden nutzte die Ehe in erster Linie, um seine Machtposition in der Stadt religiös und politisch zu legitimieren.
Da durch Flucht und Vertreibung weitaus mehr Frauen als Männer in Münster lebten, führte Jan van Leiden im Sommer 1534 die Vielehe ein. Alle heiratsfähigen Frauen wurden gesetzlich zur Heirat gezwungen – eine Methode, um Kontrolle über ihre Körper auszuüben. Der König selbst hielt sich bald einen kleinen Harem.
Als einzige eigenständige politische Handlung Divaras ist eine feierliche Abendmahlsfeier im Oktober 1534 überliefert. Als die Täufer das Abendmahl auf dem Marktplatz von Münster feierten, durfte sie als Königin Brot und Wein an die hungernde Bevölkerung verteilen.
Im Juni 1535 wurde die belagerte Stadt schließlich durch Verrat eingenommen. Divara van Haarlem wurde verhaftet, weigerte sich jedoch standhaft, ihrem Glauben abzuschwören. Im Juli desselben Jahres wurde sie auf dem Marktplatz mit dem Schwert hingerichtet.
Auch die männlichen Anführer wurden gefangen genommen und schließlich hingerichtet. Ihre Leichen wurden später zur Abschreckung in den drei berühmten eisernen Käfigen am Turm der Lambertikirche in Münster aufgehängt.
Der Weg Divara van Haarlems vom engagierten Mitglied einer Reformbewegung zur schweigenden Königin im goldenen Käfig ist eine historische Warnung. Ihre Biografie macht auf schmerzhafte Weise deutlich, wie schnell Fortschritte für Frauen in brutale Unterdrückung umschlagen können, wenn extremistische Machtstrukturen entstehen.
Historisch und strukturell schlägt Religion immer wieder in Gewalt gegen Frauen um, da fast alle großen institutionalisierten Religionen patriarchale Machtsysteme sind. Sobald eine Glaubensgemeinschaft fundamentalistische oder extremistische Züge annimmt, werden Frauenkörper und Frauenrechte häufig als Erstes strategisch kontrolliert.
Dass das Stadtbild Münsters bis heute von den eisernen Käfigen der Männer geprägt ist, während Divaras Name fast in Vergessenheit geraten ist, zeigt die anhaltende Schieflage unserer Erinnerungskultur. Natürlich kann argumentiert werden, dass Divara historisch nicht so wichtig war. Doch wäre Jan van Leiden jemals so mächtig geworden, wenn er nicht die Witwe seines Vorgängers geheiratet hätte, um seine Herrschaft religiös zu legitimieren? Und hätte die Reformbewegung der Täufer überhaupt so viele Gläubige um sich scharen können, wenn sie Frauen nicht zumindest anfangs mehr Freiheiten zugestanden hätte?
Literaturhinweise:
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