Während an Allerheiligen in christlichen Regionen Europas stiller Kerzenschein und leises Gedenken auf den Friedhöfen dominieren, herrscht in anderen Teilen der Welt ein lebendiger Ausnahmezustand. Tod und Trauer sind dort kein Tabu und auch kein schwer greifbares, vom Leben entferntes Phänomen, sondern ein farbenfrohes, generationenübergreifendes Gemeinschaftsereignis.
Die folgenden Beispiele zeigen, dass das Erinnern an die Ahnen auch laut, herzlich und aus westlicher Sicht ungewöhnlich oder gar makaber sein kann.
Auf der indonesischen Insel Sulawesi lebt das Volk der Toraja. Wenn dort ein Familienmitglied stirbt, gilt es nicht sofort als tot, sondern als krank. Daher bleibt es oft noch monate- oder gar jahrelang einbalsamiert im Haus der Familie.
In dieser Zeit wird es wie jedes andere Familienmitglied behandelt. Die Menschen reden mit ihm, trinken Tee neben dem Verstorbenen und lassen es so am Familienleben teilnehmen. Erst nach der großen und teuren Bestattungszeremonie gilt der Verstorbene als wirklich tot.
Alle paar Jahre, nach der Reisernte, findet das Ma’Nene-Ritual statt. Dabei werden die Mumien aus ihren Gräbern geholt. Die Frauen kämmen die Haare, tauschen die Kleider aus und tragen die Überreste durch das Dorf, als wäre der Verstorbene anwesend. Es werden sogar Familienfotos mit der Mumie gemacht.
Im Hochland von Madagaskar leben die Volksstämme der Merina und der Betsileo. Auch sie pflegen ein ganz besonderes Verhältnis zu ihren Verstorbenen. Alle paar Jahre öffnen sie die Gräber und nehmen die Körper heraus.
Diese werden gereinigt und in neue Seidengewänder gehüllt. Anschließend nehmen die Verwandten die Verstorbenen auf die Schultern und tanzen bei lauter Musik mit ihnen um die Gräber. Dabei wird gelacht, getrunken und gefeiert. Bei diesem Familientreffen werden den Ahnen auch neue Familienmitglieder vorgestellt. Genannt werden diese Rituale Famadihana.
In Mexiko wird rund um Allerheiligen an zwei Tagen der Día de los Muertos, der Tag der Toten, begangen. Dieser Brauch ist inzwischen weltberühmt, denn statt traurig vor den Gräbern zu stehen, finden dort bunte Feiern statt.
Die Menschen glauben, dass die Seelen der Verstorbenen in diesen Nächten zurückkehren, um mit ihnen zu feiern. Zu diesem Zweck schmücken sie die Gräber mit Blumen und veranstalten Picknicks auf den Friedhöfen, bei denen getanzt und gefeiert wird.
Es gibt jedoch auch Gruppen, die schillernd leben und ganz heimlich Abschied nehmen. Ein Beispiel hierfür sind die Hijra in Südasien. Sie werden offiziell als drittes Geschlecht anerkannt und umfassen vor allem trans- und intergeschlechtliche Menschen, die als schillernde Frauen leben. Traditionell werden sie zu Hochzeiten oder Geburten eingeladen, da ihre Segnungen Glück und Fruchtbarkeit bringen sollen.
Stirbt jedoch eine Hijra, so findet die Bestattung unter strengster Geheimhaltung – meist mitten in der Nacht – und unter absolutem Ausschluss von Außenstehenden statt. Die Gemeinschaft glaubt, dass der Blick eines Fremden die Seele dazu verdammen würde, erneut als Hijra wiedergeboren zu werden. Die Anwesenden beten daher im Stillen für die Verstorbene, damit ihre Seele Befreiung findet und sie im nächsten Leben einen Körper erhält, der nicht zwischen religiöser Verehrung und gesellschaftlicher Ausgrenzung hin- und hergerissen ist.
Ob in Indonesien, Madagaskar, Mexiko oder in queeren Gemeinschaften Südasiens: Der Tod ist kein starrer Endpunkt, sondern ein kollektiver Prozess. Diese globalen Kulte zeigen, dass die Würde und Identität eines Menschen weit über das biologische Leben hinausreichen können – getragen von denjenigen, die das Erinnern bewahren.
Literaturhinweise:
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