Anna Tumarkin war die erste Philosophieprofessorin Europas. Im Jahr 1909 wurde sie an der Universität Bern zur Professorin ernannt – als erste Frau weltweit, wenngleich “nur” zur außerordentlichen Professorin. In Bern forschte, dozierte und betreute sie über Jahrzehnte hinweg Abschlussarbeiten.
Anna Tumarkin wurde in eine jüdische Kaufmannsfamilie im heutigen Belarus geboren. Aufgewachsen ist sie in Chișinău, der heutigen Republik Moldau. Zunächst wurde sie Lehrerin, doch sie wollte mehr: Sie wollte studieren und sich ganz der Philosophie verschreiben.
Mit 17 reiste sie allein aus ihrer Heimat, dem ehemaligen Zarenreich, in die Schweiz. Denn nur hier war es Frauen möglich, ein reguläres Studium zu absolvieren.
Kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz lernte sie die spätere Ärztin Ida Hoff kennen. Sie wohnten zusammen und gründeten eine lebenslange Wohn-, Erb- und Grabgemeinschaft.
Später, als Anna Tumarkin sich bereits an der Universität etabliert hatte, wurden sie und ihre Partnerin zu Universitätsveranstaltungen immer gemeinsam eingeladen. Es war ganz selbstverständlich, den Partner oder die Partnerin mit einzuladen – in diesem Fall eben zwei Frauen. Überliefert sind auch ihre gemeinsamen Autoreisen mit Ida Hoff, die ein eigenes Auto besaß, was für Frauen der damaligen Zeit ungewöhnlich war.
Anna Tumarkin schloss ihr Studium in Rekordzeit ab. In nur wenigen Jahren hatte sie es geschafft und konnte anschließend schnell promovieren. Doch sie war nicht nur schnell, ihre Arbeiten wurden auch ausgezeichnet.
Es gab Kommentare von Männern, die sich darüber wunderten, dass Frauen so kluge Gedanken zu Papier bringen können, wie es die Philosophin Anna Tumarkin vermochte. Doch in diesem Fall schien es tatsächlich so. Das war ihre Art, Anna Tumarkin und ihr Schaffen zu rühmen.
Ein kurzer Abstecher führte sie nach Berlin. Doch dort wurde ihr klargemacht, dass sie als Frau nicht regulär studieren könne und sie sich lieber einen Professor zum Mann suchen solle. Sie kehrte in die Schweiz zurück.
Anna Tumarkin schlug dennoch eine akademische Laufbahn ein – und das ganz regulär: 1898 hielt sie eine Antrittsvorlesung an der Universität Bern, wo sie nun als Dozentin tätig war. Sie wurde in den Senat der Universität aufgenommen und konnte nun mitreden und Entscheidungen treffen.
1909 wurde sie zur außerordentlichen Professorin für Philosophie an der Universität Bern ernannt. Eine Vollprofessur, ein Ordinat, wurde ihr jedoch verweigert. Der Grund? Sie war eine Frau, was ihr auch so mitgeteilt wurde. Ab 1910 betreute und bewertete sie jedoch Doktorarbeiten und Habilitationsschriften.
Anna Tumarkin fand, dass es eine eigene schweizer Philosophie gab. Ihre Thesen dazu hielt sie in ihrem Werk Wesen und Werden der schweizerischen Philosophie fest.
Sie empfand diese Philosophie als erdverwurzelt, ganz wie auch die schweizer Politik. Dabei werden weder ideologische Konstruktionen noch metaphysische Lehrgebäude benötigt, wie es in anderen philosophischen Systemen der Fall ist.
Letzteres führe zu ratloser Menschheit und grausamen Kriegsgeschehen. Bezug nahm sie dabei wohl an ihrer familiären Geschichte: Sie war die Einzige aus ihrer Familie, die nicht durch ein russisches Pogrom oder den Terror der Nationalsozialisten ihr Leben verlor.
Literaturhinweise:
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