Hinter dem weltbekannten Namen Madame Tussauds steckt das Vermächtnis einer der mutigsten Pionierinnen des 18. Jahrhunderts. Lange bevor Frauen Verträge unterschreiben durften, erschuf Marie Tussaud (1761-1850) ein globales Kulturimperium. Ihre Karriere begann jedoch nicht im Rampenlicht, sondern im tiefsten Schatten der französischen Geschichte, auf den Blutgerüsten der Französischen Revolution.
Die spätere Madame Tussaud wurde als Anna Maria Grosholtz in Straßburg geboren, später wurde sie durch eine Ehe zur Madame Tussaud. Ihr mutmaßlicher Vater stammte aus einer Familie von Henkersmeistern – einer am Rande der Gesellschaft lebenden Berufsgruppe.
Später zog die Mutter mit ihrer Tochter als Haushälterin von Philippe Curtius erst nach Bern und dann nach Paris. Von ihm erlernte sie die Kunst des anatomischen Wachsgießens. Sie hatte ein besonderes Händchen dafür, und bald sprach sich ihr Talent herum.
Dann brach die Französische Revolution aus. Um ihre Loyalität zu beweisen und dem eigenen Tod zu entgehen, musste sie die abgeschlagenen Köpfe prominenter hingerichteter Persönlichkeiten – darunter König Ludwig XVI., Marie Antoinette und Robespierre – in Wachs verewigen.
Diese Totenmasken wurden direkt nach den Exekutionen als visuelle Nachrichtenschau genutzt. Hier schloss sich der Kreis zu ihrer Herkunft: Was ihre Ahnen auf dem Schafott vollstreckt hatten, konservierte die Tochter für die Ewigkeit.
Jahre später schuf sie eine neue Kollektion von Wachsfiguren, die von den Schrecken der Französischen Revolution inspiriert war, deren Zeugin sie gewesen war.
Die Wachskunst von Madame Tussaud ist weitaus mehr als nur handwerkliche Präzision. Sie berührt fundamentale Fragen der menschlichen Existenz, der Vergänglichkeit und unseres Verhältnisses zum Tod.
In einer Zeit des radikalen Umbruchs schuf sie eine völlig neue Form der Identitätskonservierung. Dabei besitzt Wachs eine einzigartige philosophische Dualität: Es ist äußerst formbar und gleichzeitig, einmal gegossen, über Jahrhunderte hinweg beständig.
1794 verstarb ihr Lehrmeister Curtius. Ein Jahr später heiratete sie den Ingenieur François Tussaud und wurde Mutter: Die Tochter verstarb kurz nach der Geburt, es folgten zwei Söhne.
Ihr Mann war ein Trinker. Da fasste sie einen wegweisenden Entschluss. Sie verließ Frankreich und ihren Mann.
Mit ihren Wachsfiguren im Gepäck reiste sie anschließend als alleinerziehende Mutter jahrzehntelang durch Großbritannien. Im Alter von 74 Jahren eröffnete sie schließlich im Jahr 1835 ihre erste permanente Ausstellung in der Londoner Baker Street.
Madame Tussaud schuf aus dem Schrecken ihrer Zeit eine zeitlose Kunstform. Sie nutzte die Gräueltaten der Französischen Revolution, um ein neuartiges visuelles Geschichtsarchiv aus Wachs zu erschaffen. Als alleinerziehende Mutter im Exil gründete sie zudem ein globales Kulturimperium – lange bevor Frauen rechtliche oder wirtschaftliche Unabhängigkeit besaßen.
Literaturhinweise:
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