Klischees

Weiberfasching

Weiberfasching

Karneval ist kein moderner Party-Gag, sondern ein uraltes Erbe der Menschheit. Schon in den ersten Städten der Welt sorgte er wenigstens an wenigen Tagen des Jahres für Gerechtigkeit.

In diesem Kontext steht auch der heute bekannte Brauch der Weiberfastnacht: Ein Tag, an dem Frauen das Sagen übernehmen – doch ist das ein echter Ausbruch aus dem Patriarchat oder nur dessen rituell erlaubte Verfestigung?

Fasching in Mesopotamien

In einer altbabylonischen Inschrift aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. wird von einem besonderen siebentägigen Fest berichtet: In dieser Zeit wurde kein Getreide gemahlen. Außerdem wurde die Sklavin zur Herrin und der Mächtige zum Niedrigen – für kurze Zeit schlüpften die Menschen in eine andere Rolle.

Hier wurde also zum ersten Mal das bis heute bestehende Kernmerkmal des Karnevals, das Gleichheitsprinzip, praktiziert: Fern von festgelegten sozialen Einschränkungen dürfen an Fasching alle Rollen eingenommen werden, die sonst undenkbar wären.

Heiden & Kirche

Während die Germanen mit ohrenbetäubendem Lärm und furchteinflößenden Masken die Winterdämonen vertrieben, zelebrierten die Römer im Dezember die Saturnalien. Es war ein Fest der totalen Freiheit: Sklaven und Herren tauschten die Rollen, speisten auf Augenhöhe und bewarfen sich mit kleinen Rosen, den Vorläufern unseres heutigen Konfettis.

Doch der aufstrebenden Kirche waren diese heidnischen Exzesse und wilden Fruchtbarkeitsriten ein Dorn im Auge. Da sich die tief verwurzelten Traditionen des Volkes jedoch nicht einfach verbieten ließen, wählte die Kirche eine kluge Strategie: Sie modellierte sie um und nutzte die Feierlaune geschickt für ihre eigenen Zwecke. So wurde daraus die Fastnacht, die Zeit vor der Fastenzeit, in der noch einmal so richtig gefeiert wurde.

Frauen übernehmen das Ruder

Die älteste literarische Erwähnung der “Fasnaht” findet sich im Jahr 1206 in Wolfram von Eschenbachs Parzival. Darin beschreibt er, wie die Marktfrauen von Dollnstein am Donnerstag vor Aschermittwoch groteske Tänze aufführten und „stritten“.

Diese Tradition des weiblichen Aufbegehrens zog sich durch die Jahrhunderte – von feiernden Nonnen, die das Gebetbuch gegen das Würfelspiel tauschten, bis hin zum berühmten Streik der Beueler Wäscherinnen im Jahr 1823.

Aufstand der Frauen

Während die Frauen im Bonner Stadtteil Beuel unter extrem harten Bedingungen 16-Stunden-Schichten in den dampfenden Waschzubern schuften mussten, übernahmen die Männer den „angenehmen” Teil: Sie fuhren die saubere Wäsche zu den Kunden nach Köln.

Doch statt mit dem verdienten Lohn heimzukehren, versackten sie im Jahr 1823 neu organisierten, rein männlichen Karneval und verprassten das Geld der Familie. Die Frauen hatten genug davon, nur für den Spaß der Männer zu schuften. Am Donnerstag vor Aschermittwoch 1824 wagten sie das Ungeheuerliche: Sie legten die Arbeit nieder!

Anstatt zu waschen, trafen sie sich zu einem konspirativen Kaffee, machten sich über ihre Männer lustig und nahmen sich das Recht heraus, selbst zu feiern. Mit diesem mutigen Streik der Wäscherinnen war die Beueler Weiberfastnacht geboren.

Fazit

Aus dem Protest gegen Ausbeutung und patriarchale Ignoranz entstand eine Tradition, die bis heute zeigt: Wenn Frauen die Arbeit niederlegen, steht die Welt still – und der Karneval Kopf.

Ist die Weiberfastnacht aber ein echter Befreiungsschlag oder lediglich eine geschickt platzierte Falle des Patriarchats?

Historisch betrachtet lässt sich das Fest als klassisches Sicherheitsventil deuten. Die Kirche duldete die Fastnacht im Mittelalter als den Staat des Teufels (civitas diaboli). Die dahinterstehende Logik war so simpel wie effektiv: Wer einmal im Jahr rituell die Sau rauslassen darf, begehrt im restlichen Jahr seltener gegen die vermeintlich gottgegebene Ordnung auf. Frei nach dem Motto: Lieber einmal exzessiv als gar nicht – und danach wieder brav zurück in Reih und Glied …

Literaturhinweise:

  • Bürkert, Karin. 2015. Fastnacht erforschen: zur Herstellung und Vermittlung von Kulturwissen (1961-1969). TVV, Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V.
  • Klauser, Helene. 2007. Kölner Karneval zwischen Uniform und Lebensform. Waxmann.
  • Matheus, Michael. 1999. Fastnacht. F. Steiner.

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