Eine Seilschaft im höchsten Schwierigkeitsgrad führen? Neue Kletterrouten erschließen? Weltmeisterin im Skirennlauf werden? Kein Problem! Sie war eine Pionierin in den Alpen: die Südtirolerin Paula Wiesinger (1907–2001).
Paula Wiesinger wurde im Jahr 1907 in Bozen geboren. Damals gehörte die Stadt noch zum Königreich Österreich-Ungarn. Nachdem ihr Vater im Ersten Weltkrieg gefallen war, zog ihre Mutter nach Sterzing, um dort als Köchin ihre Familie zu ernähren. Paula und ihre jüngeren Geschwister blieben jedoch bei den Großeltern in Bozen.
Damit öffneten sich für Paula Wiesinger ganz neue Welten. Die Großeltern ließen ihr großen Freiraum. Dadurch hatte sie für ein Mädchen ungewöhnliche Freiheiten und Möglichkeiten, die ihr neue Wege öffneten.
Paula ging gerne in die Berge, um zu wandern, zu klettern und Ski zu fahren. Das war für ein Mädchen zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit. Eine besondere Liebe entwickelte sie für die Dolomiten, in denen sie im Laufe ihres Lebens noch viel Zeit verbringen sollte. Um sich die notwendige Ausrüstung leisten zu können, ging sie arbeiten. Zunächst arbeitete sie als Büroangestellte. Dann wurde sie Verkäuferin.
Beim Klettern im Rosengarten lernte sie 1928 den Deutschen Hans Steger kennen. Die beiden freundeten sich an und verbrachten viel Zeit in den Bergen. Denn sie bemerkten schnell, dass sie gleich ehrgeizig waren und auf demselben Niveau kletterten.
Die beiden gingen eine Beziehung ein. Doch sie entschieden sich für einen ungewöhnlichen Schritt: Sie blieben zunächst ledig. Erst als sich die politische Situation in Südtirol änderte und Hans Steger das Land hätte verlassen müssen, traten sie vor den Traualtar, um dies zu verhindern.
Später gingen beide gemeinsam in den Tourismussektor. Ihre Liebe zu den Bergen und das gemeinsame Klettern blieben jedoch bis ins hohe Alter bestehen.
Paula Wiesinger schrieb in den Dolomiten Alpingeschichte: Als absolute Pionierin meisterte sie Routen, an die sich vor ihr niemand herangewagt hatte. Bis 1934 absolvierte sie über 60 extreme Touren. Dabei agierte sie so souverän, dass sie Seilschaften im Vorstieg selbstständig durch schwierigstes Gelände führte. Als erste Frau überhaupt knackte sie den legendären sechsten Schwierigkeitsgrad.
Doch Paula Wiesinger war nicht nur eine hervorragende Kletterin, sondern auch eine erfolgreiche Skirennläuferin. In den 1930er Jahren gewann sie 15 italienische Meistertitel. 1932 gelang ihr ein besonderer Erfolg: Sie wurde Weltmeisterin in der Abfahrt in Cortina d’Ampezzo. Ihr Können stellte sie auch in einem Luis-Trenker-Film unter Beweis, in dem sie die Skiszenen übernahm.
Ihr Mut, ihre Nervenstärke und ihre Ausdauer waren weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. So kletterte der damalige belgische König Albert gemeinsam mit ihr und ihrem Mann schwierige Dolomitenwände. Dabei war es egal, ob Hans oder sie vorausgingen, denn sie waren sich ebenbürtig.
Außerdem lernte Paula Wiesinger weitere illustre Persönlichkeiten kennen. So war sie beispielsweise in den 1930er Jahren zusammen mit der bekannten Leni Riefenstahl in den Dolomiten unterwegs.
Paula Wiesinger war eine außergewöhnliche Frau. Sie scherte sich nicht um Konventionen und gestaltete ihr Leben, wie sie es für richtig hielt. Das zeigte auch ihre jahrelange, für die damalige Zeit unkonventionelle Partnerschaft mit Hans Steger.
Sie vollbrachte sportliche Höchstleistungen, die bis dahin für Frauen unerreicht waren und wurde so zur alpinen Pionierin. Als Ausnahmeerscheinung wurde sie mit ihrem Können weit über Südtirol hinaus bekannt.
Wie so oft im Leben erfolgreicher, außergewöhnlicher oder inspirierender Personen gilt auch hier: Die Rahmenbedingungen passten zum richtigen Zeitpunkt und ermöglichten erst diese Erfolge. Aber äußere Umstände allein reichen nicht aus. Paula Wiesinger ergriff mutig ihre Chancen, um Alpingeschichte zu schreiben, und ging so konsequent ihren eigenen Weg.
Literaturhinweise:
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