Wenn von Frauen mit magischen Kräften die Rede ist, kommt einem häufig das Klischee der „Hexe” in den Sinn. Doch lange bevor Frauen wegen ihres Wissens verfolgt wurden, gab es eine Zeit, in der diese Fähigkeiten nicht als Gefahr betrachtet wurden. Diese Frauen hatten sogar zentrale Rollen innerhalb ihrer Gesellschaft bekleidet.
Bei den Wikingern beispielsweise hatten die sogenannten Völven wichtige gesellschaftliche Positionen inne. Die altnordische Bezeichnung Völva bedeutet wortwörtlich „Frau mit Stab” und bezeichnet eine Prophetin, Schamanin, Seherin, Wahrsagerin bzw. Zauberin.
In germanischen Gesellschaften, insbesondere während der Wikingerzeit, nahmen die Völven eine herausragende Stellung als einflussreiche Frauen ein. Als Stabträgerinnen – ihr namensgebendes Machtsymbol – galten sie als hoch angesehene Expertinnen für das Schicksal und das Übernatürliche. Es handelte sich um Frauen, die machtvoll und magisch waren. Angeblich konnten sie in die Zukunft sehen und die Krieger mit ihrer Magie stärken.
In ihrer Rolle als Beraterinnen der sozialen Elite genossen sie weitreichende Privilegien. Durch die Durchführung komplexer Rituale wirkten sie als Heilerinnen und Beschützerinnen der Gemeinschaft, worin sich ihre gesellschaftliche Relevanz manifestierte.
Archäologische Funde belegen ihren Elitestatus: Grabbeigaben wie kostbarer Schmuck und exotische Bronzeschalen zeugen von ihrem Reichtum. Das bedeutendste Artefakt bleibt jedoch der eiserne Stab, der ihre spirituelle Autorität über den Tod hinaus legitimierte.
Ein spektakulärer archäologischer Fund aus der dänischen Ringburg Fyrkat veranschaulicht den Elitestatus einer Völva auf eindrucksvolle Weise. Bei Ausgrabungen entdeckten Forscher die Überreste einer Frau aus dem späten 10. Jahrhundert. Sie ist heute als die „Seherin von Fyrkat“ bekannt.
Ihr Grab befand sich auf dem exklusiven Gräberfeld unmittelbar vor den Toren der Festung – ein Bestattungsort, der nur der sozialen Elite vorbehalten war. Die Frau wurde in einem Wagenkasten beigesetzt und trug kostbare, mit Silberfäden durchwirkte Gewänder.
Zu den außergewöhnlichen Grabbeigaben zählten ein eiserner Stab – das namensgebende Symbol ihrer spirituellen Autorität – sowie ein Beutel mit Bilsenkraut, das für halluzinogene Rituale und Trancezustände genutzt wurde. Magische Amulette, ein kleiner silberner Stuhl und eine exotische Bronzeschale, unterstreichen ihre besondere Rolle als Vermittlerin zwischen den Welten und Beraterin der Mächtigen.
Die Geschichte der Völva bzw. der Völven ist weit mehr als eine Erzählung über Wikinger-Magie. Sie ist das Zeugnis einer Ära, in der weibliche Weisheit und spirituelle Autorität tragende Säulen der Gesellschaft waren. Die Völva war keine „Hexe“ im Sinne späterer Stigmatisierung, sondern eine Hüterin des Wissens, Expertin für Heilkunde und unverzichtbare Beraterin der Elite.
Es gab Frauen, die unabhängig, wohlhabend und spirituell souverän agierten. Somit steht die Völva heute als Symbol für eine verlorene Form weiblicher Macht, die durch die Forschung ihren rechtmäßigen Platz in unserer Geschichte zurückerhält. – So viel zum Klischee der „natürlichen Unterlegenheit der Frauen”, das Männer zu späterer Zeit zu verbreiten versuchten.
Oft werden historische Ereignisse und Personen anhand der Ideale und Weltvorstellungen einer anderen Epoche oder einer bestimmten Personengruppe gedeutet. Dies führt immer wieder zu absichtlichen sowie unbeabsichtigten Missverständnissen.
Gängige Rollenklischees werden jedoch unter anderem durch archäologische Funde eindrucksvoll widerlegt. So zeigen diese beispielsweise, dass Frauen bei den Wikingern nicht nur als mächtige Völven sondern auch als Kriegerinnen tätig waren. Außerdem beweisen sie, dass Frauen in der Kupferzeit prominente Führungspersönlichkeiten sein konnten und in prähistorischen Zeiten durchaus Macht besaßen.
Literaturhinweise:
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