Frauenrollen

Alles Männerbereiche, oder was?

Alles Männerbereiche, oder was?

Gebildet, unerschrocken, unkonventionell: Sidonia Hedwig Zäunemann (1711-40) las Freiheits- und Vernunftsphilosophen, schrieb gesellschaftskritische Gedichte und arbeitete Untertage.

Dabei war ihre Mutter einst sehr bemüht gewesen, ihre Tochter züchtig zu erziehen. Sie wollte aus Sidonia Zäunemann eine gute Hausfrau und Mutter machen. Doch der Wissensdurst und die Eigenwilligkeit lenkten Sidonia Zäunemann‘s Leben in andere Bahnen.

Gebildet & eigenwillig

Eine Hochzeit lehnte sie strikt ab. Die Ehe empfand sie als patriarchales Werkzeug, um die Frau unterzuordnen und der Willkür eines Mannes zu unterstellen.

Genauso wollte sie nichts von traditionellen Aufgaben und Tätigkeiten von Frauen wissen. Sie hatte schlichtweg kein Interesse an Haus- oder Handarbeiten. Viel lieber beschäftigte sie sich mit Denkern und dessen Werken. Ihre ersten eigenen Gedichte ließen nicht lange auf sich warten.

Dabei hätte sie ihre Dichtkunst doch für weiblich akzeptierte Bereiche, wie etwa Geburtstagsreime oder Hochzeitspoesie, verwenden können. Das reichte ihr nicht aus. So schrieb sie über die Dinge, die ihr wichtig erschienen und die sie beschäftigten:

Ihr Männer bildet euch nicht ein,
Als ob Vernunft, Verstand, Gelehrsamkeit und aufgeklärter Sinn
Solt euer Eigenthum und Erbrecht seyn;
Nein! warlich, der das Firmament gesetzt,
Der hat das Frauen-Volk nichts minder hoch geschätzt:
Und ihnen auch Verstand und Witz verliehen.
Es soll wie ihr, des hohen Geistes Gaben,
Auch im Besitze haben.
Drum muß ihr Lorber-Zweig, so wie der eure blühen.
Zörnet, tobet, lästert, neidet immerhin,
Ihr werdt es doch nicht hindern können,
Ihr solt und müßt denselben doch die Ehre gönnen!
Drum bildet euch ihr Männer ja nichts ein!
Unerschrocken & unkonventionell

Aber dabei beließ sie es nicht. Sie drang noch viel weiter in Männerwelten vor und traute sich Sachen, die für eine Frau undenkbar waren: Sie ritt beispielsweise ohne Begleitung aus oder reiste alleine und als Mann verkleidet.

Auch drang sie in die männliche Arbeitswelt ein. Um den Bergbau besser verstehen zu können, durfte sie Untertage die arbeitenden Männer beobachten und interviewen. Daraufhin verfasste sie eine Liebeserklärung an den Bergbau.

Dichterkrone

Sidonia Zäunemann trat für die Ebenbürtigkeit der Geschlechter ein, stellte sich gegen gesellschaftliche Konventionen und Restriktionen von Frauen. Sie versuchte nachzuvollziehen, welche Grundlage Männer befähigte, sich schlauer und besser zu fühlen. Ihr Schaffen ist durchzogen von Gesellschaftskritik, vor allem kritisierte sie die vorherrschenden patriarchalen Strukturen.

Sidonia Hedwig Zäunemann war nach Christiana Mariana von Ziegler die zweite Frau, die mit der Dichterkrone, einer Auszeichnung für herausragende, dichterische Leistungen, geehrt wurde. Im Jahre 1738 verlieh ihr die Universität Göttingen diese Auszeichnung. Ihr Werk fand also durchaus Beachtung.

Ihr Leben nahm ein frühes, abruptes Ende. Während eines Ausritts stürzte sie in die Fluten und ertrank.

Literaturhinweise:

  • Zäunemann, Sidonia Hedwig. 2015 [1738]. Poetische Rosen in Knospen. Vollständige Neuausgabe mit einer Biographie der Autorin, Karl-Maria Guth (Hg.). Hofenberg: Berlin.
  • Zäunemann, Sidonia Hedwig. 2015 [1739]. Die von denen Faunen gepeitschte Laster. Vollständige Neuausgabe mit einer Biographie der Autorin, Karl-Maria Guth (Hg.). Hofenberg: Berlin.

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