Die englische Malerin Evelyn De Morgan (1855-1919) war mehr als nur eine Künstlerin – sie war eine Visionärin. Mit ihrem Talent blickte sie über das Materielle hinaus und war auf der Suche nach tieferen Wahrheiten, als sie die materielle Welt zu bieten hat.
Kunst ist ewig, das Leben aber ist kurz.
Es gelang ihr, andere Menschen zu inspirieren, sich ebenfalls auf diese Suche zu begeben. Ihre Werke vermögen Hoffnung zu vermitteln und Mystik und Schönheit einzufangen und zu vereinen.
Evelyn De Morgan, geborene Pickering, stammte aus einer Mittelstandsfamilie. Sie erhielt Hausunterricht, erlernte zahlreiche Sprachen und befasste sich mit antiker Mythologie. Bereits in jungen Jahren beschäftigte sie sich mit Geschichtsbüchern und wissenschaftlichen Texten.
Ab dem Alter von 15 Jahren nahm sie Zeichenunterricht. Ihre Arbeiten wurden maßgeblich von ihrem in Florenz lebenden Onkel beeinflusst, den sie regelmäßig besuchte. In Florenz entdeckte sie ihre Begeisterung für italienische Maler wie Botticelli und entwickelte ihren eigenen Stil zusehends weiter.
Dann lernte sie den Künstler und Keramiker William De Morgan kennen. Er prägte ihr eigenes Schaffen stark. Seitdem sie sich kennengelernt hatten, war Liebe ein wiederkehrendes Thema in ihren Werken.
Ihr Werk Love’s Passing zeugt davon. Da sie nicht wusste, wie sie ihre große Zuneigung zu William De Morgan ausdrücken sollte, malte sie eine Allegorie: Sie fügte Angst und Traurigkeit über einen möglichen Verlust einer großen Liebe in das Werk ein. Hinter einem Liebespaar ist nämlich die Figur des Todes zu erkennen.
Nach ihrer Hochzeit versuchte ihr Mann vergeblich, mit seiner Keramikkunst erfolgreich zu werden. Daher war das Paar zunächst auf die Einnahmen angewiesen, die Evelyn De Morgan durch den Verkauf ihrer Bilder erzielte.
Ein wiederkehrendes Thema in ihren Werken waren Frauen aus der Mythologie sowie magische Frauen. Zu diesen Werken zählen beispielsweise Flora, Helena von Troja oder Clitia. Das waren jedoch nicht die einzigen Themen, die sie immer wieder aufgriff.
Schon seit ihrer Kindheit beschäftigte sie sich vor allem mit einem Thema, das ihr allgegenwärtig schien: dem Tod. Sie schrieb Gedichte darüber und verarbeitete das Thema auch in ihren Gemälden. Dabei waren zunächst ihre christliche Prägung und die Lehre der Auferstehung von zentraler Bedeutung. Später interessierte sie sich für Spiritismus und die Frage nach der Substanz der menschlichen Seele, was sich ebenfalls in ihren Werken widerspiegelt.
Um 1910 wandte sich Evelyn De Morgan vom Realismus ab und dem Symbolismus zu. In dieser Kunstrichtung standen die Welt der Fantasie, Träume, Visionen und das Unfassbare im Mittelpunkt. Die Symbolisten waren der Ansicht, dass Gemälde ein Tor zur Spiritualität sein sollten.
Evelyns Interesse für die symbolistische Malerei entwickelte sich erst spät in ihrer Karriere – zu einem Zeitpunkt, als sie frei malen konnte. Dies war der Fall, als ihr Mann William De Morgan eine erfolgreiche zweite Karriere als Bestsellerautor startete und sie in ihrer Malerei nicht mehr durch kommerzielle Rentabilität oder die Vorstellungen von Gönnern eingeschränkt war.
Ein bemerkenswertes Werk aus dieser Zeit ist Töchter des Nebels (Original: Daughters of Mist). Die Töchter, die in durchsichtige Gewänder gekleidet sind, sitzen zwischen Wolken und Regenbögen. Eine von ihnen steht auf und greift nach einem Stern. Dies symbolisiert, dass sie ihre unsterbliche Seele erlangt hat.
Evelyn De Morgan war eine der Unterzeichnerinnen der Erklärung für das Frauenwahlrecht. Damit positionierte sie sich öffentlich für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Obwohl sie die Frauenbewegung unterstützte, bevorzugte sie es, ihre Unterstützung und ihren Protest eher im Stillen auszuleben, beispielsweise durch ihre Gemälde.
Zudem war sie Pazifistin. Zwei Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs veranstaltete sie eine Benefizausstellung. Dort zeigte sie Bilder, die sich direkt gegen die Schrecken des Krieges richteten. Das zentrale Bild dieser Ausstellung war Das Rote Kreuz (Original: The Red Cross). Den Erlös dieser Ausstellung spendete sie dem Roten Kreuz.
Literaturhinweise: