Klischees

Engel von Bremen

Engel von Bremen

Frauen und vor allem Mütter müssen doch sanftmütig, friedfertig, liebevoll und aufopferungsvoll sein. Etwas anderes ist nicht denkbar, oder? Wenn eine Frau aus diesem Muster fällt, ist meist schnell klar: Sie muss eine Hexe, ein Monster oder eine abartige Ausnahme sein. Doch was, wenn eine Frau sich zwar liebevoll gibt, aber mit Genuss zahlreiche Menschen in ihrem Umfeld aus dem Weg räumt?

Der Engel von Bremen - so wurde Gesche Gottfried (1785–1831) genannt. Sie war eine warmherzige Mutter, die den Tod ihrer Kinder betrauerte - zumindest nach außen hin. Bei ihrem Sohn wurde sogar eine Autopsie vorgenommen, doch der ausführende Arzt konnte sich damals einfach nicht vorstellen, dass eine Frau und Mutter zu so einer Tat fähig wäre.

Beginn der ersten Mordserie

Gesche Gottfried wird als intelligente Frau beschrieben, die sich schwer tat, sich in den für Frauen vorgesehenen Lebensentwurf der fleißigen Hausfrau und liebevollen Mutter einzufügen. Ihre Eltern gaben sie in eine unglückliche Ehe mit einem Alkoholiker. Sie bekam fünf Kinder, von denen zunächst drei überlebten.

Dann erhielt sie von ihrer Mutter Arsen gegen eine angebliche Mäuseplage. Schon bald war ihr Mann tot, ihr erstes Opfer. Es folgten ihre Eltern sowie ihre drei noch lebenden Kinder Adelheid (1809–1815), Heinrich (1810–1815) und Johanna (1812–1815). Auch ihren Bruder und ihren zweiten Ehemann brachte sie mit Arsen um. Dann war das Gift aufgebraucht und die erste Mordserie endete, ohne dass sie enttarnt wurde.

In ihrer Heimatstadt Bremen galt sie nach wie vor als „Engel von Bremen”, als eine Frau, die gutmütig, hilfsbereit und von Schicksalsschlägen getroffen war. Dann begann die zweite Mordserie.

Die zweite Mordserie

Sie ließ sich von ihrer Freundin Mäusebutter beschaffen, eine mit Arsen vermengte Butter. Damit begann Gesche Gottfrieds zweite Mordserie. Unter anderem fiel auch die Freundin zum Opfer, die ihr das Gift beschafft hatte.

Doch ihr Vermieter wurde misstrauisch. Er selbst fühlte sich immer wieder unwohl. Als er auf dem Speck eine weiße Substanz entdeckte, ließ er sie untersuchen. Das Ergebnis: Arsen.

Verhaftung & Hinrichtung

Gesche Gottfried wurde verhaftet und saß drei Jahre lang im Gefängnis. Schon bald gestand sie die ersten Morde. Wie sich herausstellte, war sie für den Tod von 15 Menschen verantwortlich. Zudem vergiftete sie Menschen aus ihrem Umfeld mit kleinen, nicht tödlichen Dosen, darunter ihren Vermieter.

Einen Grund hatte ich nicht, ich tat es aus Trieb.

  • Verhörprotokolle, Gesche Gottfried.

Schließlich wurde sie zum Tode verurteilt. Es war die letzte öffentliche Enthauptung in Bremen. Die Tatsache, dass eine Frau zu solchen Taten fähig war und über Jahre hinweg so viele Menschen umbrachte, inklusive ihrer eigenen kleinen Kinder, zog viele Schaulustige an. Zu ihrer Hinrichtung kamen an die 35.000 Zuschauer. Noch heute erinnert in Bremen ein sogenannter Spuckstein an Gesche Gottfried, auf den Passanten spucken.

Aus den Verhörprotokollen geht hervor, dass sie psychisch labil war, Halluzinationen hatte und glaubte, die von ihr Ermordeten winkten ihr zu. Es gibt jedoch auch andere Stimmen, die in ihr nicht nur ein Monster, sondern auch ein Opfer ihrer Zeit sehen. Frauen hatten es damals besonders schwer. Gesche konnte ihren Intellekt nie richtig ausleben, sondern wurde durch soziale und familiäre Erwartungen klein gehalten.

Literaturhinweise:

  • Amrahs, Hseham. 2024. Wahre Geschichten der Schrecklichsten Serienmörderinnen. Draft2digital.
  • Kolvenbach, Katharina & Nina Batram. 2023. Früher war mehr Verbrechen: historische Kriminalfälle aus dem erfolgreichen Podcast. Droemer Taschenbuch.
  • Uthmann, Jörg von. 2006. Killer, Krimis, Kommissare: kleine Kulturgeschichte des Mordes. Beck.

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