Philosophie

Philosophisches Quartett IV

Philosophisches Quartett IV

Heute schließt sich ein Kreis: Nach Elizabeth Anscombe, Philippa Foot und Mary Midgley folgt nun das letzte Kleeblatt des Philosophischen Quartetts: Iris Murdoch (1919-1999). Iris Murdoch war eine britische Schriftstellerin und Philosophin, bekannt für ihre psychologischen Romane, die philosophische und komische Elemente enthalten.

Die Philosophin

Ihr Werdegang begann in Oxford, wo sie Klassische Philologie, Geschichte und Philosophie studierte. Sie beschäftigte sich mit Tugend- und Fürsorgeethik und entwickelte eine einzigartige Form des platonischen moralischen Realismus. Dabei verband sie Wittgenstein und einen sprachanalytischen Ansatz mit christlichem Denken sowie buddhistischer und hinduistischer Philosophie.

Unsere Handlungen sind wie Schiffe: Wir sehen sie in See stechen und wissen nicht, wann und mit welcher Fracht sie zum Ausgangshafen zurückkehren werden.

  • Iris Murdoch, aus: The Bell, 1958, S. 176.

1945 lernte Iris Murdoch in Brüssel Jean-Paul Sartre (1905-1980) kennen und war beeindruckt von seiner existenzialistischen Philosophie und der Tatsache, dass er nicht nur Philosoph, sondern auch Romanautor und Dramatiker war. In ihrem Werk über Sartre (Sartre: Romantic Rationalist, 1953) nahm sie seine Romane als Ausgangspunkt für die Untersuchung seines Denkens. Es war die erste englischsprachige Studie über Sartre.

Aufmerksamkeit und Moral

Die Moralauffassung Murdochs wurde stark von der französischen Philosophin Simone Weil (1909-1943) beeinflusst, insbesondere durch ihren Begriff der Aufmerksamkeit. Weils Konzept der Aufmerksamkeit enthält eine starke religiöse Dimension. Ihr Aufmerksamkeitsbegriff beinhaltet eine Art passives Warten in der Bereitschaft, dass sich eine Wahrheit offenbart, ein Sich-Entleeren in Vorbereitung auf den Empfang des Objekts.

Murdoch hat den religiösen Aspekt des Aufmerksamkeitsbegriffs von Weil zugunsten eines aktiveren Aufmerksamkeitsbegriffs aufgegeben. Für Iris Murdoch ist Aufmerksamkeit ein Prozess, der den Menschen Zugang zur moralischen Wirklichkeit verschafft.

Kunst und Moral sind […] eins. Ihre Essenz ist dieselbe. Die Essenz beider ist die Liebe. Liebe ist die Wahrnehmung der Individuen. Liebe ist die äußerst schwierige Erkenntnis, dass etwas anderes als man selbst real ist. Die Liebe, und mit ihr die Kunst und die Moral, ist die Entdeckung der Wirklichkeit.

  • Iris Murdoch, aus: The Sublime and the Good, Chicago Review 13.3, 1959, S. 42-55, hier: S. 51.

Aufmerksamkeit ist demnach der Kernbegriff der Moral, die ständig Wertstrukturen um uns herum aufbaut. Aufmerksamkeit geht dem Handeln voraus, im Moment der Entscheidung ist die Entscheidungsfindung bereits weitgehend abgeschlossen.

Iris Murdoch war eine Philosophin, die wichtige Grundlagen für die moderne Moralphilosophie legte. Bekannter als ihr philosophisches Werk ist heute jedoch ihre Arbeit als Romanautorin.

Die Schriftstellerin

Murdochs Romane zeichnen sich durch verschlungene Handlungsstränge aus. Verschiedene Charaktere mit unterschiedlichen philosophischen Positionen durchlaufen eine Entwicklung in ihren Beziehungen zueinander. Iris Murdoch verbindet realistische Beobachtungen des bürgerlichen Lebens im 20. Jahrhundert mit außergewöhnlichen Ereignissen, die etwas Makabres, Groteskes und wahnwitzig Komisches haben.

Ihre Bücher zeichnen sich durch einen ausgeprägten Sinn für Komik und die Fähigkeit aus, die Spannungen und die Komplexität anspruchsvoller sexueller Beziehungen zu analysieren. Ihr erster Roman, Under the Net, erschien 1954 (dt. Unter dem Netz, 1957). Mit The Bell (1958; dt. Die Wasser der Sünde, 1962) erlangte Murdoch breite Anerkennung als Romanautorin. Ihre höchste literarische Auszeichnung, den Booker Prize, erhielt sie 1978 für ihren Roman The Sea, the Sea (dt. Das Meer, das Meer, 1981).

Fazit: Vier Frauen, Krieg und Freiheit

Als das philosophische Quartett sein Studium in Oxford aufnahm, begannen auch die Wirren des Zweiten Weltkriegs. Dabei waren die politischen, ethischen und moralischen Folgen und Ausmaße zunächst nicht in vollem Umfang absehbar. Und noch etwas war weder selbstverständlich noch vorhersehbar: Während die Männer eingezogen wurden, konnten die Frauen Philosophie studieren, sich entfalten, ihren eigenen Gedanken und Interessen nachgehen.

Ob sie auch große Denkerinnen geworden wären, wenn der Krieg nicht gewesen wäre und sie ganz normal mit den Männern studiert hätten? Die Philosophin Mary Midgley war sich sicher, dass dies nicht der Fall gewesen wäre. Denn eines ist sicher: Der Krieg hat den Erfolg der vier Philosophinnen begünstigt, er hat ihnen einen besseren Start ermöglicht. So hat der Krieg, trotz all seiner Zerstörung und Grausamkeit, ihnen eine Form von Freiheit geschenkt.

Literaturhinweise:

  • Blum, Lawrence. 2022. Iris Murdoch. In: Edward N. Zalta & Uri Nodelman (Hrsg.), The Stanford Encyclopedia of Philosophy, Winter 2022 Edition.
  • Lipscomb, Benjamin J. Bruxvoort. 2021. The Women are Up to Something: How Elizabeth Anscombe, Philippa Foot, Mary Midgley, and Iris Murdoch Revolutionized Ethics. Oxford University Press.
  • Mac Cumhaill, Clare & Rachael Wiseman. 2022. The Quartet: Wie vier Frauen die Philosophie zurück ins Leben brachten. C.H.Beck.
  • Vieira, Fátima & Sofia de Melo Araújo (Hrsg.). 2011. Iris Murdoch, Philosopher Meets Novelist. UK: Cambridge Scholars Pub.

.

Verwandte Beiträge: